"The Hateful Eight" im Kino Eiskaltes Blut

Die Lincoln-Liebhaber: John Ruth (Kurt Russell, l.) und Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson).

(Foto: Disney/Universum)

Quentin Tarantinos "The Hateful Eight" ist die Schneewestern-Variante eines Agatha-Christie-Krimis - und merkwürdig unzeitgemäß.

Filmkritik von Susan Vahabzadeh

Ob jemand Haltung bewahrt hat, lässt sich immer nur aus dem Kontext seiner Zeit beurteilen. Kopfgeldjäger wäre heute eine ungewöhnliche Berufswahl für jemanden, der besonders viel Wert legt auf Rechtsstaatlichkeit, für John "The Hangman" Ruth (Kurt Russell) aber gibt es auf diesem Gebiet einiges zu tun. Er ist unterwegs in einer Kutsche im ersten Kapitel von Quentin Tarantinos "The Hateful Eight", um auf der anderen Seite eines Schneesturms, in Red Rock, die Belohnung für Daisy (Jennifer Jason Leigh) zu kassieren.

Er liest einen Mann in blauer Uniform auf, der einige gefrorene Leichen dabeihat, einen alten Bekannten. Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) erzählt Daisy, wie John zu seinem Beinamen, der Henker, gekommen ist: weil er seine Gefangenen immer der Gerichtsbarkeit ausliefert, selbst wenn er das Kopfgeld auch für die sterblichen Überreste bekäme - so wie es Major Marquis Warren macht. Bei einem Mann im Wilden Westen kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg geht das glatt als Idealismus durch.

In der Kutschstation sind sie dann zu acht, aber hier ist auf Zahlen kein Verlass

Es wird einiges festgezurrt auf dieser Kutschfahrt, an der dann bald noch ein Reisender teilnehmen darf, Chris Mannix, der künftige Sheriff von Red Rock, der im Krieg für die Südstaaten gekämpft hat. Es wird beispielsweise geklärt, warum Marquis Warren und John Ruth irgendwie Verbündete sind - Marquis Warren trage in seiner Tasche einen Brief vom großen Abraham Lincoln, erzählt Ruth Daisy, die dann, als das Papier, das Ruth mit so viel Ehrfurcht erfüllt, endlich die Runde macht, gleich draufspuckt.

Die Fahrt ist absurd komisch, die Dialoge haben den trockenen Witz, den Tarantino so meisterlich hinbekommt; nun weiß man auch, um was es gehen wird: Diese drei Männer könnten unterschiedlicher nicht sein, aber sie werden sich zusammenraufen müssen, um durchzusetzen, was zu gelten hat in diesem neuen Amerika, ob es ihnen schmeckt oder nicht.

Quentin Tarantino ist einer der letzten Überlebenden einer aussterbenden Art - ein Star-Regisseur, einer, der selbst immer der Mittelpunkt seines Werks ist. Wenn er einen Film macht, dann wird das mit so viel Aufmerksamkeit bedacht, wie sie sonst nur Comic-Fans aufbringen, um die korrekte Darstellung ihrer Lieblingssuperhelden durchzusetzen.

Ein Bürgerrechts-Western

Das Drehbuch zu "The Hateful Eight" tauchte früh im Netz auf, der ergrimmte Tarantino musste dann von seinem Weggefährten Samuel L. Jackson, der fast in jedem seiner Filme dabei war, erst überredet werden, das Buch doch zu verfilmen; und der Start war dann, weil Tarantino Polizeigewalt gegen Schwarze gegeißelt hatte, in den USA von Boykottaufrufen begleitet.

Der Sonderstatus ist durchaus verdient - er hat ja tatsächlich eine Handschrift, einen eigenen Tonfall, der in weit mehr besteht als bloß in überzeichneter Gewalt. Man muss Tarantino nicht gleich zum politischen Filmemacher stilisieren für "The Hateful Eight" - aber auf eine schlichte Art ist das ein Bürgerrechts-Western, ein Bekenntnis zu Amerika, so wie tief im Innern von "Inglourious Basterds", in dem Haufen subversiver Nitrofilme, die unter Hitlers Hintern explodieren, ein bisschen Glauben an den Segen des Antifaschismus begraben liegt.

"The Hateful Eight" ist trotzdem für manchen Tarantino-Fan eine Enttäuschung. Denn erstens wird der Film bald zum Kammerspiel, und zweitens kommt es zwar zu tarantinesken Splatterfilm-Gewaltausbrüchen - aber erst, wenn der Film zu fast zwei Dritteln vorüber ist. Zunächst halten die vier Passagiere in einer Kutschstation, Minnie's Haberdashery, Minnie ist aber gar nicht da, ein Mexikaner öffnet die Tür und stellt sich als ihr Statthalter vor.

Drin harren schon ein paar Leute aus, die auch auf das Ende des Blizzards warten: Ein alter Südstaatler (Bruce Dern), der die Leiche seines Sohnes sucht, ein gekünstelt friedfertiger Haudegen (Michael Madsen) und der britelnde Gentleman-Henker von Red Rock, den Tim Roth spielt, als wäre er Christoph Waltz. Nun sind sie also zu acht, wenn man den Kutscher nicht mitzählt - der allerdings tatsächlich kein bisschen Hass in sich zu tragen scheint. Aber auf die acht ist hier ohnehin kein Verlass.