"The Big Short" im Kino Finanzkrise als Kokstrip

Wie Öl auf Wasser: Ryan Gosling als gegelter Opportunist Jared Vennett.

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Ryan Gosling, Brad Pitt und Steve Carell im Sog des Geldes: "The Big Short" ist das Härteste und Berauschendste, was bisher zum Finanzcrash im Kino zu sehen war.

Filmkritik von Jörg Häntzschel

Die Wahrheit ist wie Poesie, und die meisten Leute hassen Poesie", knurrt Brad Pitt als paranoider ehemaliger Starinvestor Ben Rickert in "The Big Short". Und benennt damit das Dilemma des Regisseurs Adam McKay: Wie lässt sich ein so sperriger Stoff wie die Finanzkrise von 2008 in einem aufregenden Spielfilm verhandeln?

Deswegen hat McKay aus der Wahrheit Rock'n'Roll gemacht, genauer: Death Metal. Das filmische Äquivalent zu dem frenetischen Schlagzeuggedresche, mit dem sich seine Hauptfigur Dr. Michael Burry (Christian Bale), der ehemalige Neurologe, Autist, Fondsmanager und Einäugige im Land der Blinden vom Zahlenfressen erholt. "The Big Short" ist das Härteste und Berauschendste, was bisher zu diesem Thema im Kino zu sehen war. Nach knapp zweieinhalb Stunden im hochgepitchten Dauerfeuer aus popkulturellem Irrsinn, Wall-Street-Lingo und Crash-Kursen zu Collateral Debt Obligations und Kreditausfallversicherungen wankt man erschöpft aus dem Kino, aber wie auf Koks.

Der Filmkritiker der New York Times wollte nach der Vorführung zur Waffe greifen, so groß war seine neu entfachte Wut auf die Banken; anderen wird die Karriere an der Wall Street nun noch aufregender erscheinen. Schlafen jedenfalls kann danach keiner.

"The Big Short" basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch-Bestseller von Michael Lewis. Er hätte die Geschichte des Crashs aus der Perspektive der Opfer erzählen können, denen vorgegaukelt wurde, ihre Schulden würden sich von selbst zurückzahlen, da ihre auf Pump gekauften Häuser im Wert ja nur steigen konnten. Oder aus der Perspektive der Banker, die die Kredite um- und umpackten, und dann damit einen Handel trieben, der das globale Finanzsystem fast zum Einsturz brachte.

Dies ist kein Wohlfühlfilm. Wo immer man als Zuschauer Halt sucht - man rutscht ab

Stattdessen erzählt er in seinem Buch von ein paar Outsidern, die als Einzige den Betrug hinter all den Jubelzahlen erkannten. Sie setzten alles auf den nahenden Crash und gewannen.

Einer ist jener Michael Burry, ein vibrierendes Bündel aus schwer vermittelbarer Intelligenz. Er hat seine Mimik nicht im Griff, er kann nicht mit Leuten - aber er kann mit Zahlen. Nächtelang bohrt er sich in immer tiefere Schichten der betrügerischen Risikopakete. Dann schlägt er Goldman Sachs eine Wette vor. Sollte die Blase platzen, würde er eine Risikoprämie kassieren. Warum nicht, feixen die Banker, und stoßen abends brüllend auf den Irren an.

Ein weiterer Protagonist ist der Choleriker und Rechthaber Mark Baum (Steve Carell), der mit ein paar Jungs einen gut laufenden Fonds managt, aber vom Hass auf die Wall Street fast zerrissen wird, seit sein Bruder sich aus dem Fenster stürzte. Und schließlich geistert noch besagter Finanzrenegat Ben Rickert (Brad Pitt) durch den Film, der zwei Greenhorns zu ihrem Teil des Krisenkuchens verhilft.

Brad Pitt spielt in "The Big Short" den paranoiden ehemaligen Starinvestor Ben Rickert.

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Über allem schwimmt, wie Öl auf Wasser, Jared Vennett (Ryan Gosling). Ein gegelter Opportunist von der Deutschen Bank, der - "Ich rieche Geld!" - den bevorstehenden Crash jetzt mit ebenso widerspruchsimprägnierter Eloquenz verkauft, wie seine Kollegen den Boom. Er hat einen kleinen Bauklotzturm gebaut. Unten sind die B- und BB-Kredite, oben lauter AAA-Steine. Was passiert, wenn die miesen Kredite nicht bedient werden? Bumm! Und ausgerechnet diesen aaligen Unsympathen lässt McKay nun als Conférencier durch die Geschichte führen. "The Big Short" ist kein Wohlfühlfilm. Wo immer man als Zuschauer hingreift, um Halt zu finden, rutscht man ab, die Schmiere ist kaum wegzukriegen.

Seit Oliver Stones "Wall Street" macht Hollywood in New Yorks Finanzdistrikt regelmäßig Hausbesuche, als gehe es um filmische Früherkennung. In den letzten Jahren waren "Wall Street: Geld schläft nicht" zu sehen, Stones Sequel; Martin Scorseses "The Wolf of Wall Street"; und "Der große Crash", der die letzte Nacht von Lehman Brothers erzählt. Doch die meisten dieser Filme stellen Reichtum und Gier dar, nicht die Maschinerie der Spekulation. Was wie Kritik erscheint, ist eher schaudernde Bewunderung.

Die bösen Wölfe der Wall Street

Im Finanzbetrügerfilm "The Wolf of Wall Street" sprengt Leonardo DiCaprio alle Vorstellungen von Gier, krimineller Energie und Exzess. Börsenspekulanten sind als Filmschurken beliebt, nicht erst seit Gordon Gekko in "Wall Street". Doch Hollywood hat auch immer wieder Banker gezeigt, die das Gute wollten. Von Tobias Kniebe mehr ...