"The Artist" im Kino Mit Melancholie in Richtung Oscar

"The Artist" ist ein hinreißender französischer Trip in die amerikanische Kinofrühgeschichte. In eine Zeit, in der sich der Ton seinen Weg in den Film bahnte - und das Genre Stummfilm aussterben ließ. Der großartige Jean Dujardin als tonfilmresistenter Schauspieler hätte den Oscar als bester Hauptdarsteller verdient.

Von Fritz Göttler

Auch der Slapstick, der große Überlebende der Stummfilmzeit, ist melancholisch im Grunde seines Herzens, eine stille Traurigkeit durchzieht ihn, die man heute oft übersieht und die alles, was schreiend komisch an ihm ist und aggressiv, gehörig dämpft. Ganz und gar melancholisch ist auch "The Artist", der zur Zeit die Herzen der Zuschauer und die prüfenden Köpfe der Juroren zahlloser amerikanischer Gremien und der Academy verzaubert.

Ein frecher Anachronist, eine romantische Komödie im Stummfilmstil, schwarzweiß, ohne Ton, mit Zwischentiteln und mit Slapstickelementen, auf die auch frühe Actionstars wie Valentino, Fairbanks oder John Gilbert nicht verzichten mochten, um ihr Draufgängertum zu demonstrieren, ihre Lebenslust. Auch George Valentin will das nicht, der Held des "Artist", der Stummfilm-Megastar. Doch 1927 wird seinem Leinwandtreiben ein jähes Ende gesetzt - da kommt "Der Jazzsänger" in die Kinos, der erste Tonfilm, und die Studios und die Kinos rüsten aufs neue Medium um.

I won't talk, ist die Reaktion von George, er "sagt" es heroisch in einer Szene seines neuesten Films, als sein grimmiger Gegenspieler ihm Informationen herausfoltern will. George wird tonfilmresistent bleiben, er glaubt an die Widerstandskraft seiner Kunst - die das Manko, den fehlenden Ton, umwandelte in unglaubliche Kreativität.

So dass man, als der Ton kam, mit ihm erst mal einen plumpen Realismus befürchtete, der die magische Qualität des stummen Kinos zerstören würde. "The Artist" feiert die Kunst, die so gestrig wirkt - der Film wurde konzipiert und vorbereitet, als James Cameron mit seinem "Avatar" das Kino im 3D-Rausch brummen ließ.

George glaubt an und investiert in die Zukunft des stummen Kinos, er dreht mit eigenem Geld, unter eigener Regie, einen Film, der wie ein Zerrbild seiner Kunst wirkt - am Ende findet er ein schreckliches Ende, im Treibsand. Der Film wird ein grausamer Flop. Derweil macht Poppy Miller (Bérénice Bejo) Karriere, die junge Frau, die George entdeckt und auf ihren Hollywood-Weg gebracht hat, sie wird der neue Tonfilmstar, flapsig und agil.

Es ist die Geschichte von John Gilbert und Greta Garbo, die da anklingt - Gilbert, einer der größten Stummfilmstars, heute vergessen, seine Stimme, heißt es, sei nicht stark genug gewesen, er hätte Alkoholprobleme gehabt.

"The Artist" ist ein Film französischer Provenienz, in amerikanischer Studiotechnik gedreht und an amerikanischen Locations - das Haus von Poppy ist das von Mary Pickford, die America's Sweetheart war und Fairbanks' Frau. Und ganz nebenbei führt er die französischen Wurzeln des chevaleresken Hollywoodkinos vor. Französisch sind nicht nur der Regisseur und die Hauptakteure, sondern auch das Medium, das den Geist der Kinogeschichte lebendig erhält, die Cinemathèque Française in Paris, wo die Beteiligten die Filme sahen von Murnau und Borzage und Chaplin und Stroheim und Browning.

Ein Blick in die Welt von Gestern

Die Montage von Michel Hazanavicius passt sich den alten Filmen an in ihren Cadragen und Rhythmen, modern aber ist die Perfektion, mit der sie das tut, die ganze Routine von mehr als hundert Jahren Kinogeschichte, die die schöne Sperrigkeit der Stummfilme abschleift. Erfolgreich waren Hazanavicius und sein Star Jean Dujardin mit ihren "OSS 117"-Agentenparodien, die ein Genre der Sechziger durchaus ernst nahmen, das selber schon über sich selbst juxte. In diesen Filmen steckt denn auch, an manchen Stellen unübersehbar, das Verlangen, Melodram zu machen. Kino über Leute, die eine Ahnung in sich tragen, dass ihre Welt dem Untergang geweiht ist, und sie mit ihr.

Dujardin ist großartig als George Valentin, er hätte den Oscar als Hauptdarsteller verdient, weil er - dagegen ist der Job seines Hauptkonkurrenten Clooney in "The Descendants" wirklich easy - darauf verzichtet, seinen George liebenswert zu machen. Der hat wohl alle Macken eines frühen Stars, den jugendlichen Narzissmus, die naive Brutalität, mit der er über das Gefühlsleben der anderen trampelt. Dieses grausam-liebenswerte Sich-in-den-Vordergrund-Spielen. Ein Artist, aber manchmal führt er sich wie ein veritables Arschloch auf. Solarpower attestiert Michel Hazanavicius seinem Star Jean Dujardin, da steckt auch etwas Zerstörerisches, etwas Selbstzerstörerisches drin.

THE ARTIST, D 2011 - Regie: Michel Hazanavicius. Kamera: Guillaume Schiffman. Musik: Ludovic Bource. Mit: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle, Ed Lauter, Beth Grant, Malcolm McDowell. Delphi, 100 Min.