Tagung in Berlin Jenseits von Putins Hirnschale

Instrumentalisierung: Am 1. Januar 2014 erinnerten Aktivisten der Partei "Swoboda" an den 105. Geburtstag des nationalistischen Politikers und Partisanen Stepan Bandera.

(Foto: Reuters)
  • In Berlin traf sich die deutsch-ukrainische Historikerkommission. Diskutiert wurde unter anderem das Verhältnis beider Staaten.
  • Zentral ist der Konflikt zwischen der europäischen Idee und dem russischen Machtanspruch.
  • Der Ukraine-Konflikt wird auf der Konferenz aus unterschiedlichen Sichtweisen betrachtet.
Von Hannah Beitzer

Im Ukraine-Konflikt sind es häufig Historiker, die den Blick weiten, Perspektiven aufzeigen jenseits von: Wer ist Putin, was denkt Putin, was will Putin? Sie stellen einen Zusammenhang her zwischen dem heutigen Krieg und den blutigen Kriegen vergangener Jahrhunderte.

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Seltsam ist, dass der Ukraine in der öffentlichen Debatte meist nur die Rolle als Hinterhof Moskaus, als Verhandlungsmasse, auch als bedauernswertes Opfer zukommt - eine Verkürzung, die sich in der Geschichtswissenschaft widerspiegele, behauptet der Osteuropaforscher Martin Schulze Wessel von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Ukraine lange Zeit aus russischer Perspektive betrachtet

Die Ukraine sei in der Forschung zu lange "aus russländischer Perspektive" betrachtet worden, sagte er auf der ersten Konferenz der deutsch-ukrainischen Historikerkommission in Berlin.

Die Kommission, die erst kürzlich von fünf deutschen und fünf ukrainischen Wissenschaftlern gegründet wurde, will das ändern und steht unter ungewöhnlicher Beobachtung.

Der Direktor des Instituts für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexander Tschubarjan, hatte noch vor dem ersten öffentlichen Auftritt der Kommission in der Zeitung Izvestija "unverzügliche Reaktionen Russlands" angekündigt, falls die Kommission "propagandistischen Charakter und antirussische Tendenzen" annehmen werde.

Der Konferenz hat es nicht geschadet, sie musste wegen des großen Interesses in ein größeres Tagungszentrum umziehen.

Aggressionen muss man Aggressionen nennen - und Krieg Krieg

"Wir sind keine Agenten einer bestimmten Geschichtspolitik, wir sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler", sagte Schulze Wessel zur Begrüßung: "Was nicht ausschließt, dass man Aggressionen Aggressionen nennt und Krieg Krieg." Er machte damit das Spannungsfeld auf, in dem die gesamte Konferenz stattfand.

Wo in der ukrainischen Geschichte liegen die Wurzeln des heutigen Konflikts? Welche politischen Konsequenzen ergeben sich daraus? Und ist es überhaupt die Aufgabe von Historikern, auf Basis ihrer Forschung politische Handlungsanweisungen auszusprechen?