Süddeutsche Zeitung

Tagung in Berlin:Jenseits von Putins Hirnschale

  • In Berlin traf sich die deutsch-ukrainische Historikerkommission. Diskutiert wurde unter anderem das Verhältnis beider Staaten.
  • Zentral ist der Konflikt zwischen der europäischen Idee und dem russischen Machtanspruch.
  • Der Ukraine-Konflikt wird auf der Konferenz aus unterschiedlichen Sichtweisen betrachtet.

Von Hannah Beitzer

Im Ukraine-Konflikt sind es häufig Historiker, die den Blick weiten, Perspektiven aufzeigen jenseits von: Wer ist Putin, was denkt Putin, was will Putin? Sie stellen einen Zusammenhang her zwischen dem heutigen Krieg und den blutigen Kriegen vergangener Jahrhunderte.

Seltsam ist, dass der Ukraine in der öffentlichen Debatte meist nur die Rolle als Hinterhof Moskaus, als Verhandlungsmasse, auch als bedauernswertes Opfer zukommt - eine Verkürzung, die sich in der Geschichtswissenschaft widerspiegele, behauptet der Osteuropaforscher Martin Schulze Wessel von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Ukraine lange Zeit aus russischer Perspektive betrachtet

Die Ukraine sei in der Forschung zu lange "aus russländischer Perspektive" betrachtet worden, sagte er auf der ersten Konferenz der deutsch-ukrainischen Historikerkommission in Berlin.

Die Kommission, die erst kürzlich von fünf deutschen und fünf ukrainischen Wissenschaftlern gegründet wurde, will das ändern und steht unter ungewöhnlicher Beobachtung.

Der Direktor des Instituts für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexander Tschubarjan, hatte noch vor dem ersten öffentlichen Auftritt der Kommission in der Zeitung Izvestija "unverzügliche Reaktionen Russlands" angekündigt, falls die Kommission "propagandistischen Charakter und antirussische Tendenzen" annehmen werde.

Der Konferenz hat es nicht geschadet, sie musste wegen des großen Interesses in ein größeres Tagungszentrum umziehen.

Aggressionen muss man Aggressionen nennen - und Krieg Krieg

"Wir sind keine Agenten einer bestimmten Geschichtspolitik, wir sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler", sagte Schulze Wessel zur Begrüßung: "Was nicht ausschließt, dass man Aggressionen Aggressionen nennt und Krieg Krieg." Er machte damit das Spannungsfeld auf, in dem die gesamte Konferenz stattfand.

Wo in der ukrainischen Geschichte liegen die Wurzeln des heutigen Konflikts? Welche politischen Konsequenzen ergeben sich daraus? Und ist es überhaupt die Aufgabe von Historikern, auf Basis ihrer Forschung politische Handlungsanweisungen auszusprechen?

Die Frage nach dem russisch-ukrainischen Verhältnis

Eine eindeutige Antwort auf diese Frage fand der prominenteste Gast der Konferenz, der amerikanische Geschichtsprofessor Timothy Snyder, der in seinem Buch "Bloodlands" (auf deutsch 2011) gezeigt hat, wie Polen, Weißrussland, die Ukraine und die baltischen Staaten im 20. Jahrhundert zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion zerrieben wurden.

Ideen der EU und Russlands stehen sich im Ukraine-Konflikt gegenüber

Für ihn ist der gegenwärtige Konflikt ein Kampf zweier Ideen. Auf der einen Seite steht die Europäische Union, die er als einen modernen Gegenentwurf zum Kolonialstaat sieht; ein freiwilliger Zusammenschluss großer und kleiner Staaten, ehemaliger Kolonialmächte und einst Kolonialisierter.

Auf der anderen Seite steht Russland, das den Verlust des eigenen Imperiums nicht akzeptieren will. Wer heute, so argumentiert Snyder, der Ukraine den Status als eigenständige Nation zugesteht, der muss sie an die Europäische Union binden. Als Alternative bleibe nur eine erzwungene Rückkehr ins russische Imperium.

Russland und Ukraine: großer und kleiner Bruder

Unwidersprochen blieb das nicht. Schulze Wessel etwa will die Ukraine historisch nicht allein als russische Kolonie betrachten, zu groß seien schließlich auch die Einflüsse Kiews auf Moskau gewesen, etwa in der Wissenschaft. Er spricht stattdessen von einem Verhältnis zwischen großem und kleinem Bruder: konfliktbeladen, nicht einfach, aber auch keine reine Herrscher-Beherrschter-Beziehung.

Yuri Shapoval von der Akademie der Wissenschaften der Ukraine betonte die innere Zersplitterung des Landes. Die Großmächte, die die Ukraine im 20. Jahrhundert überrollten, sie "am Schachbrett erschufen und wieder auflösten", fanden immer auch Ukrainer, die sie für ihre Zwecke instrumentalisieren konnten. Das setze sich, stellten die Konferenzteilnehmer immer wieder fest, bis in die heutige Zeit fort.

Die Instrumentalisierung von Geschichte spielt eine große Rolle. Tanja Peter von der Universität Heidelberg befürchtete, dass in Folge des Ukraine-Krieges das einseitige sowjetisch-imperialistische Narrativ der Vergangenheit durch ein ebenso einseitiges nationales Narrativ ersetzt werden könnte.

Als Beispiel dafür nannte sie die Betrachtung des Partisans Stepan Bandera, der in der Sowjetunion als Nazi-Kollaborateur und nationalistischer Verbrecher galt, heute jedoch in Teilen der ukrainischen Gesellschaft als Nationalheld verehrt wird. "Eine umfassende Aufarbeitung steht noch aus", sagte Peter, weswegen sich die beiden sehr unterschiedlichen Narrative bis heute hielten. Als "Banderowszi" und Faschisten diffamiert etwa die russische Propaganda die heterogene Maidan-Bewegung.

Auf der anderen Seite erließ die Ukraine unlängst ein Gesetz, das die ukrainische Aufstandsarmee - der militärische Flügel der ukrainischen Nationalisten im Zweiten Weltkrieg - ehrt und ihre Beleidigung unter Strafe stellt.

Gewarnt wurde vor einer Heroisierung der Maidan-Revolution

Das sind keine guten Vorzeichen für eine Aufarbeitung, sind sich die Wissenschaftler sicher. Einhellig verurteilten sie das Gesetz, was einige junge ukrainische Zuschauer, die sich später als Nicht-Historiker zu erkennen gaben, unbehaglich auf den Stühlen herumrutschen ließ.

Yaroslav Hrytsak von der Universität Lwiw vermutete bei den Machern der Geschichtsgesetze ähnliche Motive, wie sie auch die Geschichtspolitik in Russland prägen: Ihnen gehe es nicht um eine Modernisierung der Ukraine auf der Grundlage universeller Werte, sondern um Sicherheit und die Herstellung einer wie auch immer gearteten ukrainischen Identität. Ein Irrweg, denken auf der Konferenz die meisten - einer zudem, der den Ideen des Maidan widerspreche, sagte Hrytsak.

Revolution als Versuch, dem Land neue Authenzität zu verleihen

So ähnlich sah das auch Marci Shore von der Yale University. Auf dem Maidan sei es nicht um Fragen der ethnischen Zugehörigkeit und Sprache gegangen. Sie versteht die Revolution als den Versuch der Ukrainer, in ihrem von Korruption und Vetternwirtschaft zerfressenen Land Authentizität herzustellen. Der Wunsch nach Regeln, die für alle gelten, nach Gesetzen, an die sich alle halten müssen, nach einem Ende von Propaganda und Lügen motiviere die Suche nach der Wahrheit.

Ihr Vortrag erntete harschen Widerspruch aus dem Publikum. Rainer Fröbe von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur berichtete etwa von seinem Aufenthalt auf der Krim zur Zeit der Proteste: "Da hat eine von Abstiegsangst bedrohte Mittelschicht demonstriert".

Vielen Maidan-Demonstranten, denen er begegnete, sei es mehr um Besitzstandswahrung gegangen als um die Suche nach Wahrheit. "Wir sollten uns vor einer Heroisierung des Maidan hüten", sagte er. Das wiederum passte zur Klage Shores und Snyders, der Westen stelle sich nicht entschieden genug an die Seite der ukrainischen Demonstranten.

Ein Forum für antirussische Propaganda war die Konferenz nicht - zu differenziert und unterschiedlich waren die vorgetragen Positionen. Es sei denn, man möchte schon die bloße Einigkeit der Teilnehmer darüber, die Ukraine als eigenständigen Staat mit eigener Geschichte und eigenen Interessen zu betrachten, als antirussisch interpretieren.

Das hieße allerdings, gedanklich in die Zeit des Kalten Krieges zurückzukehren, als die Welt tatsächlich noch aufgeteilt war in westliche und sowjetische Einflusssphären.

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SZ vom 01.06.2015/flogo
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