Suhrkamp-Autor Albert Ostermaier "Schlag unter die Gürtellinie"

"Desto öfter und länger man Suhrkamp totsagt, desto lebendiger wird im Gegenteil der Verlag": "Die Liebende"-Autor Albert Ostermaier.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Steht der traditionsreiche Verlag vor dem Aus? Im Frankfurter Suhrkamp-Prozess hatte eine Äußerung eines Richters für Wirbel gesorgt - der auch die Autoren des Verlags nicht kalt lässt. Einer von ihnen, der Schriftsteller Albert Ostermaier, im Gespräch über apokalyptische Szenarien, Gerichtsdramen und seine zweite Haut.

Von Vanessa Steinmetz

"Einer der namhaftesten Teilnehmer am Literaturbetrieb der Nachkriegszeit droht zu verschwinden": Diesen Satz sprach am Mittwoch der Vorsitzende Richter des Frankfurter Landgerichts. Die Äußerung verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Suhrkamp Verlag drohe, aufgelöst zu werden, meldeten diverse Nachrichtenagenturen. Hintergrund ist ein Rechtsstreit zwischen der Suhrkamp-Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach, dem Chef der Minderheitengesellschafterin des Verlags. Barlach hatte vor Gericht einen Zusatzantrag gestellt: Beim Scheitern seines Antrags solle das Gericht die Auflösung der gesamten Gesellschaft verfügen. So verworren die Vorgeschichte, so unvorhersehbar ist auch noch die richterliche Entscheidung. Die könnte auch für die Autoren des Verlags Konsequenzen haben. Einer von ihnen ist Albert Ostermaier.

Süddeutsche.de: Herr Ostermaier, Ihr Verlag steht laut Agenturmeldungen vor der Auflösung. Wie fühlt sich das für Sie an?

Albert Ostermaier: Suhrkamp steht nicht vor der Auflösung, im Gegenteil: Diese ganzen apokalyptischen Szenarien werden sich in der Luft auflösen, die Herr Barlach Suhrkamp zum Atmen nehmen will. Der Weltuntergang findet nicht statt. Je öfter und länger man Suhrkamp totsagt, desto lebendiger wird im Gegenteil der Verlag.

Wie war Ihre erste Reaktion auf die Nachricht?

"Bild sprach mit dem Toten", dachte ich, und dass man genauer zuhören und lesen sollte: Was als Resumée des Richters ausgegeben wurde, war alles andere als ein Resumée. Die Schlagzeile war zwar ein Schlag ins Leere, aber doch zugleich ein Schlag unter die Gürtellinie. Und unter jene schöne Linie, die auf jedem Band der Bibliothek Suhrkamp läuft.

Der Rechtsstreit schwelt schon lange. Wie haben Sie den Streit bisher erlebt?

Wie einen Schwelbrand, ein permanentes Zündeln. Was glauben Sie, was das den Verlag und seine Autoren Kraft und Nerven kostet, wie viel Energien das abzieht? Soweit ich weiß, hat Suhrkamp ein Angebot gemacht, die Anteile zu kaufen. Dass die Gegenpartei darauf nicht eingeht, zeigt doch, es geht ihr überhaupt nicht um Literatur, sondern um Streit und Zerschlagen.