Studie zu Altruismus Schöner schnorren

Wie bringt man fremde Menschen online dazu, einem eine Pizza zu spendieren? Wissenschaftler haben in einer groß angelegten, computergestützten Studie versucht, genau das herauszufinden. Mit fragwürdigem Mehrwert.

Von Bernd Graff

Dieser Pizzamann kam vermutlich nicht, wei ihn jemand in einem zufälligen Akt von Pizza ("Random Acts of Pizza") geschickt hat. Dieser hier tauchte bei der letzten Academy Awards in Hollywood neben der Moderatorin Ellen DeGeneres auf, um der Movie-Prominenz zu Futtern zu geben.

(Foto: REUTERS)

Pizza macht satt. Pizza macht glücklich. Und Pizza macht schlau. Hätte man alles so nicht gedacht, ist aber so. Denn eine Reihe ohnehin schon schlauer Leute von der Stanford University und dem Max Planck Institut haben eine bahnbrechend wichtige Studie zu altruistischem Verhalten ausschließlich anhand von Fällen erarbeitet, in denen jemand um eine kostenlose Pizza bat.

Das klingt komplizierter und ausgesuchter, als es ist. Denn die Wissenschaftler haben sich für ihre Arbeit "How to Ask for a Favor: A Case Study on the Success of Altruistic Requests" über eine Reddit-Spezial-Community-Seite gebeugt und die mehr als 21 000 Beiträge analysiert, die dort zwischen Dezember 2010 und September 2013 aufgelaufen sind. Diese Subreddit-Seite heißt "Random Acts of Pizza", kurz RAoP, wenn man so will die Mutter-Teresa-Adresse im Netz für heißes Flachgebäck und ein Umschlagplatz der guten Tat, auch wenn vollkommen klar ist, welche Tat hier ausschließlich gemeint ist: Man spendiert jemandem, der es wirklich nötig hat, eine Pizza. Magic!

Jedenfalls haben sich die Forscher gefragt: Welche Anfragen nach Pizza haben dort Erfolg - und welche nicht? Wie bittet man also um einen Gefallen? Wobei klar ist, dass die RAoP-Seite von mutwillig gutwilligen Leuten besucht wird, die ohnehin vorhaben, Gutes zu tun, die Anfragen also von vornherein in einem wohlwollenderen Klima formuliert werden als - sagen wir - in einer beliebigen Fußgängerzone. Denn, wie der Subreddit-Seite zu entnehmen ist: Man wolle dort gemeinsam "den Glauben an die Menschlichkeit zurückgewinnen - Pizzaschnitte für Pizzaschnitte".

Die Wissenschaftler untersuchten dazu die Sprache der Pizza -Anfragen, die Geschichten der Nutzer, die sie geschrieben haben, eruierten die Daten von positiven Anfragen und solchen, die scheiterten.

Wie die MIT Technology Review ausführt, wertete die Gruppe nicht nur die Posts der RAoP-Seite aus, sondern alle Posts der Nutzer der RAoP-Seite auf Reddit überhaupt: Das waren 1,87 Millionen Posts insgesamt. So etwas lässt man heute Maschinen machen, genauer einen Machine-Learning-Algorithmus, um diese Menge an Daten zu analysieren. 70 Prozent der Daten wurden an den Algorithmus verfüttert, um ihn zu trainieren. Die restlichen 30 Prozent waren dann das eigentliche Untersuchungsfeld des Algorithmus: Wie die MIT Technology Review schreibt, war die spannende Frage: Konnte der Algorithmus vorhersagen, ob eine ihm zuvor unbekannte Anfrage zur Pizza-Spende führt? Er konnte - zu etwa 70 Prozent der ihm vorgelegten Fälle.

Im Ergebnis kommen die Forscher nun auf fünf verschiedene Typen von Pizza-Ersuchen, die ihre Storys um Geld, Job, Studenten-Status, Familie und schließlich unspezifische Lust, die eher mit Freunden, Partys und/oder Alkoholkonsum zu tun hat, aufbauen.

So fanden sie heraus, dass Anfragen, die sich auf die Themen Familie, Geld und Job-Nöte bezogen, die Wahrscheinlichkeit einer positiven Rückmeldung erhöhen, während die anderen Kategorien kaum oder sogar negative Folgen hatten. Klar auch, dass Höflichkeit in der Anfrage und bei der anschließenden Bezeugung von Dankbarkeit, das Posten von Pizza-Beweisfotos, die Betonung, dass man selber ja auch gerne Pizza geben würde, wenn man nur könnte, sowie die plausibel klingende Bedürftigkeit und die Länge der Ausführungen in der Bitte, ebenfalls zu deren Erfüllung beitragen.

Ein Beispiel, das funktionierte:

"Meine Freundin und ich haben gerade eine schwere Zeit, weil sie ihren Job verliert und auch, weil sie körperlich kaum in der Lage ist, etwas anderes zu machen, da sie verschiedene Handverletzungen hat. Sie versucht gerade Arbeitslosengeld zu bekommen, aber das ist noch nicht durch, und wir würden wirklich jede Hilfe hochschätzen. Ich habe selber schon hier auf RAoP Pizza spendiert und werde mich revanchieren, wenn ich wieder dazu in der Lage bin. Alles, was wir haben, ist gerade für Miete draufgegangen."

Und so klingt es, wie man es nicht machen sollte:

"Ein Freund kommt über das Wochenende in die Stadt, und wir alle sind superaufgeregt, weil wir uns schon so lange nicht mehr gesehen haben. Wir schauen uns ein High-School-Football-Spiel an, und es wäre so super, wenn uns jemand ein Essen spendieren könnte, bevor wir losziehen. :)"

Die erste Geschichte erzählt fast umfänglich de Story eines unverschuldeten persönlichen Scheiterns und passt in die Altruismus-Atmosphäre dieser Reddit-Community. Während die zweite Story oberflächlichen Spaß suggeriert und wenig Ernsthaftigkeit. Sie passt nicht in die "Random Acts of Pizza"-Gemeinschaft.

Natürlich kann man die Studie so und so lesen: Einerseits, ja, es kommen ein paar Binsenweisheiten heraus. Nächstenliebe vergibt ihr Mitgefühl auch ein wenig erwartbar nach den Leidensschemata, die sie serviert bekommt. Das könnte man ausbeuten, gewiss. Und dass Menschen auf die Tränendrüse drücken können, ist auch nichts Neues. Auf der anderen Seite: Es sind Silizium-Chips, die inzwischen ausrechnen und auswerten können, wie und ob Nächstenliebe anspringt - oder eben nicht. Das ist immer noch erstaunlich.