Streit um die New York Public Library Lesen in Zeiten von Kaffee und Turnschuh

Mitten in Manhattan steht ein Marmorpalast. Und darin steht die Zeit still. Nun soll die Public Library komplett umgekrempelt werden. Werden künftig Touristen wie Fliegen in die Leseoase einfallen, werden Turnschuhe quietschen, wird Kaffee tropfen? Letztlich geht es beim Streit um nicht weniger als das Konzept Bibliothek an sich.

Von Jörg Häntzschel, New York

Einen Namen, der seiner üppigen Beaux-Arts-Pracht auch nur annähernd entspräche, hat der Bau mit den zwei Löwen an der 42. Straße nicht. Er heißt einfach nur "Main Branch" oder auch Schwarzman Building, nach dem Milliardär Stephen Schwarzman, der Obamas Pläne für Steuererhöhungen mit Hitlers Angriff auf Polen verglich, aber auch 100 Millionen Dollar für die Renovierung des Gebäudes zahlte. Doch für viele in der New Yorker Intelligenzia ist das Hauptgebäude der Public Library das intellektuelle Zentrum der Stadt.

Dass es in dem Marmorpalast, anders als in den pausenlos erweiterten Museen der Stadt, heute genauso zugeht wie vor zehn, 20 oder 30 Jahren, ist ihnen nur recht. Solange immer Platz ist im Rose Reading Room mit seiner Prachtdecke in 16 Metern Höhe, solange jedes der vier Millionen Bücher binnen 20 Minuten auf dem Tisch liegt, möge man, so finden sie, bitte die Finger lassen von dieser Festung des Geistes mitten im kakophonischen Manhattan.

Entsprechend wütend sind sie, dass die weitgehend privat finanzierte Bibliothek nun einer Radikaloperation unterzogen werden soll. Das sieben Stockwerke tiefe Bücherlager, das beim Bau Anfang des Jahrhunderts in den Manhattaner Granit gesprengt wurde, soll leergeräumt und ausgeweidet werden. In diesen Geschossen, die direkt unter den Lesesälen der Präsenzbibliothek liegen, soll die volksnahe städtische Leihbücherei unterkommen, deren Siebziger-Jahre-Bau auf der anderen Seite der Fifth Avenue alle Symptome des Niedergangs öffentlicher Institutionen in den USA aufweist. Beauftragt wurde damit der Architekt Norman Foster, den ähnliche Projekte wie die Renovierung des Reichstags und des British Museums für das komplizierte Vorhaben empfahlen.

Von außen wird nichts davon zu sehen sein. Die, die nur kommen, um sich "50 Shades of Grey" auszuleihen oder einen Reiseführer sollen das Gebäude sogar durch einen eigenen Eingang betreten. Doch die Zahlen reichten aus, um langjährigen Bibliotheksbenützer in Aufruhr zu bringen. Statt 1,5 Millionen Menschen werden nach dem Umbau jedes Jahr vier Millionen das Gebäude benützen, mehr als 10.000 pro Tag.

"Es wird alles kommen"

Seit auch noch durchgesickert ist, dass eine Cafeteria und öffentliche Internetterminals geplant sind, sehen sie ihre Leseoase schon zum Starbucks mit Büchern verhunzt. Und Koffein, so der Autor Edmund Morris in der New York Times, ziehe bekanntlich "Touristen an wie Fliegen". Das "Gequietsche von Reeboks" auf Marmor, der "Kampf der Internetsurfer" um freie Bildschirme, das seriöse Studien schon jetzt erschwere, werde ohrenbetäubend sein.

"Der Lärm, das Problem mit den Teenagern, die DVD-Ausleihen: es wird alles kommen", bemerkt mit Abscheu der frühere Bibliothekar John Lindquist. Mario Vargas Llosa, Jonathan Lethem, Art Spiegelman, Salman Rushdie und viele andere forderten in Petitionen, Artikeln und einem Symposium, die "Plünderung" der Public Library zu überdenken.

Vorgestellt wurden die Pläne schon 2008. Doch kurz darauf verschwanden sie im Zuge der Wirtschaftskrise vorübergehend. An den Motiven hat sich in der Zwischenzeit aber nichts geändert: Die alte Leihbibliothek muss, bevor sie vollends auseinanderfällt, dringend renoviert werden und bliebe ohne Ausweichquartier auf Jahre geschlossen. Gleichzeitig laufen dem New Yorker Bibliothekssystem, das sowohl die 90 Zweigstellen als auch die große Forschungsbibliothek unterhält, die Kosten davon. Es hat immer weniger Geld für Neuanschaffungen und musste in den letzten zwei Jahren 300 Mitarbeiter entlassen. Bedeutende Teile der Bibliothek wie die asiatische und nahöstliche Abteilung, wurden in den letzten Jahren aus Geldmangel aufgegeben. Das Renommee und die Existenz der Institution stehe auf dem Spiel, so der neue Präsident Anthony Marx.

Wissenschaftsoase oder Wärmestube

Der Central Library Plan würde alle diese Probleme lösen: Das vergammelte Gebäude der Mid-Manhattan Library könne man für 100 Millionen Dollar verkaufen. Weitere 100 brächte die ein paar Blocks weiter entfernte wirtschaftswissenschaftliche Bibliothek, die ebenfalls in das Hauptgebäude verlegt werden soll. Und gemeinsam mit den versprochenen 150 Millionen von der Stadt sei nach dem auf 300 Millionen Dollar geschätzten Projekt noch einiges übrig. Dass nur 1,5 Millionen Bände in Manhattan blieben, mit denen allerdings 90 Prozent der Bücherwünsche befriedigt werden können, sei bedauerlich, aber hinnehmbar.

Wie immer wenn in New York an Historisches gerührt wird, ist der Frontverlauf unübersichtlich. Konservative Honoratioren wie Vargas Llosa liegen auf derselben Linie wie das junge, linke Kulturmagazin n+1; einer wie Marx, der nach seinem Studium in Yale zum Kampf gegen die Apartheid nach Afrika ging, wirbt hier gemeinsam mit einem erzreaktionären Milliardär wie Schwarzmann für Veränderung. Was die Debatte illustriert, ist wie unklar die Zukunft der Bibliotheken ist. Sie sollen Wissenschaftsoase und Wärmestube für Obdachlose, Bildungseinrichtung für Unterprivilegierte und öffentliches Wohnzimmer sein, sollen mit weit offen stehenden Türen Nichtleser einladen und dennoch akademische Stille durchsetzen, die sonst rar ist. Ganz zu schweigen von der ungewissen Zukunft des Buchs selbst.