Stockholm Literaturnobelpreis an Bob Dylan - politischer als man denkt

Die Entscheidung, den amerikanischen Liedermacher auszuzeichnen, ist mutig. Und wegen ihrer politischen Bedeutung auch sehr erfreulich.

Kommentar von Carolin Gasteiger

Bob Dylan hatte niemand mehr auf dem Radar. War es doch jahrelang eher als Witz gemeint, wenn wieder jemand sagte: "Hoffentlich bekommt Dylan den Literaturnobelpreis." Doch ausgerechnet an dem Tag, an dem bekannt wurde, dass Dario Fo, einer der überraschendsten Literaturnobelpreisträger, gestorben ist, sorgt die Akademie wieder für eine große Überraschung. Die Wahl Bob Dylans ist eine mutige Entscheidung. Und eine, die politischer ist, als man denkt.

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Allein schon, weil man Bob Dylan kennt. Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Autoren ausgezeichnet, die lediglich einer eingeschworenen Gemeinde an Literaturversierten bekannt waren. Nun ist es endlich einer, dessen Namen man nicht erst googeln muss, wie auf Twitter freudig ausgerufen wird. Mit der Entscheidung, den Urheber generationenübergreifender, weltweit gespielter, gesungener und zitierter Songs wie "Blowin' in the Wind" oder "Like a Rolling Stone" mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, rückt die Akademie den Preis näher an ein breites Publikum.

Auch inhaltlich weiten die Verantwortlichen das Spektrum: War Vorjahressiegerin Swetlana Alexijewitsch doch nicht nur Schriftstellerin im engeren Sinne, sondern verfasste auch Reportagen. Mit Dylan ist der Literaturnobelpreis in der Popkultur angekommen. Und setzt ein politisches Signal.

Im Vergleich zum höchst umstrittenen syrischen Dichter Adonis oder dem diesjährigen Favoriten Ngũgĩ wa Thiong'o, der aufgrund seines Werkes schon im Gefängnis saß, mutet Bob Dylan zwar harmlos an. Aber war Dylan nicht in all seinen Songs politisch, reagierte auf die großen geistigen und gesellschaftlichen Strömungen in Amerika und der Welt, versuchte, die Geschichte und Mythen der USA spirituell zu erkunden? Ist Dylan nicht viel politischer, weil er sich gerade nicht tagesaktuell einmischt, sondern gleichsam zeitlos über allem steht und sich dem großen Ganzen widmet? Weil er sich mit Amerika und all seinen Facetten nicht nur musikalisch und literarisch, sondern auch als Maler, Schauspieler und Drehbuchautor auseinandersetzt. Dylan gilt nicht umsonst als über allem thronende Instanz. Aber eine, die sich selbst immer wieder neu erfindet, sich der Gegenwart anpasst. Auf Konzerten wandelt Dylan seine Songs immer wieder ab, verändert sie - was bleibt, ist der Text.

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Indem die Akademie den Preis näher an die Bevölkerung bringt, gleicht sie Dylan, der Amerikas vergessene Gründungsmythen zurück ins Bewusstsein der Menschen bringen will. "Die Zeiten ändern sich vielleicht", zitiert der Guardian Sara Danius von der Nobelakademie in Anlehnung an einen von Dylans größten Hits und vergleicht sein Werk mit dem Homers und Sapphos. Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, der Dylans Spätwerk in seinem Buch "Die Stimmen aus der Unterwelt" analysiert hat, sagt: "Bei Dylan hat Ovid den Blues. Und der Blues hallt durch die Gewölbe der Antike, vernehmbar bis in die Gegenwart." Wie soll dieses künstlerische Engagement, dieses ewige Interpretieren-Wollen, Verstehen-Wollen, das ewige Sich-an-Amerika-Reiben nicht politisch motiviert sein?

Einige monieren jetzt sicher, dass Bob Dylan den Literaturnobelpreis nicht mehr nötig habe. Natürlich nicht. Dylan hat schon den Pulitzerpreis, den Oscar und viele andere Preise erhalten. Auch ohne den Literaturnobelpreis ist er längst zur "Ikone" geworden, wie ihn die Akademie in ihrer Begründung nennt. Und die Idee, unbekannte Autoren durch den Nobelpreis einem großen Publikum zu vermitteln, wird mit Dylan nicht fortgeführt. Aber darum geht es nicht. Die Botschaft der Akademie ist wichtig. Und äußerst erfreulich.

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