Stadtentwicklung in Paris Groß, größer, Paris

Wohnen für 4000 Menschen: ein Wohnblock im Quartier "Cité de 4000" in La Courneuve nördlich von Paris

(Foto: Johannes Simon; .)

Aus Paris wird Grand Paris: Die Einwohnerzahl wird sich ab 2016 verdreifachen, die Fläche verfünffachen. Was bedeutet das für Frankreichs Hauptstadt und ihre Bewohner?

Von Alex Rühle und Johannes Simon (Fotos), Paris

Das hier ist Paris.

Ein sinnigerweise "Camembert" genanntes Wohngebäude in Marne-la-Vallée

(Foto: Johannes Simon)

Und das auch.

Ökobauernhof im Großstadtgewirr: Schuppen in Nanterre, hinter La Défense

(Foto: Johannes Simon)

Und auch das ist Paris.

Station 1: Paris mal fünf

Blick auf Paris

(Foto: © Xavier Lhospice / Reuters)

Paris wird vom 1. Januar 2016 an nicht mehr Paris sein. Sondern MGP, die "Metropole du Grand Paris": Die Stadtfläche verfünffacht sich, und zu den bisher 2,2 Millionen Bewohnern kommen auf einen Schlag 4,3 Millionen Neupariser dazu. Die umliegenden Départements Hauts-de-Seine, Seine-Saint-Denis und Val-de-Marne sowie einige einzelne Gemeinden werden verwaltungstechnisch eingemeindet. Außerdem sollen in dem neuen Großraum ab sofort 70 000 neue Wohnungen entstehen - pro Jahr. 200 neue U-Bahn-Kilometer mit 72 neuen Bahnhöfen sind in Planung, Kostenpunkt nur dafür: 32 Milliarden Euro.

Altes und neues Paris: Die (schwarz eingefärbte) bisherige Stadtfläche, und die Départements, die künftig zu Grand Paris gehören werden.

(Foto: SZ-Grafik)

Bei den Allstars der Architekturbranche wurden Prestigeprojekte geordert, Herzog & de Meuron stellen mit dem Tour Triangle, einer 180 Meter hohen Pyramide, ein gläsernes Pendant zum Eiffelturm ins 15. Arrondissement. Jean Nouvel soll zwei Wolkenkratzer ins Zentrum bauen.

Ferner: Zehntausende neue Jobs! Zukunft! Eine Million Bäume! Paris als urbanistische Umwälzpumpe? Paris, das ist doch diese Museums- und Touristenstadt, die mehr und mehr in sich selbst versteinert. Strenges Hochhausverbot. Segregation qua Miete. Behagliche Arroganz vor Sandsteinkulisse. Und jetzt soll das plötzlich das spannendste Megalopolislabor Europas werden, sollen Zentrum und Peripherie verschmelzen? Eine Stadt, die sich im laufenden Betrieb neu erfindet? Ist das nur wieder politische Rhetorik?

Station 2: Die geteilte Stadt

Paris von der Périphérique aus gesehen

(Foto: Johannes Simon)

"Würde ich nicht sagen", sagt der 70-jährige Yves Lion am Telefon. Der Architekt und Urbanist gehört zu einem der 14 Großplanungsteams, die das Ganze umsetzen sollen. "Im Gegenteil, es ist höchste Zeit, das wissen alle. Wir müssen unser Nahverkehrssystem neu erfinden, wir brauchen eine radikale ökologische Wende, wir müssen die künstlichen Städte, die nach dem Krieg ins Umland gebombt wurden, zu eigenen, lebendigen Zentren machen und die krassen sozialen Gegensätze auffangen. Außerdem brauchen wir zigtausend neue Wohnungen - und gleichzeitig dürfen wir nicht den immergleichen französischen Fehler machen." "Welchen meinen Sie noch mal?" "Den Gigantismus. Das Ganze muss diesmal pragmatisch umgesetzt werden: das, was da ist, verbessern. Aber schauen Sie sich's selber an und dann kommen Sie hier im Büro vorbei. Au revoir."

Architekt Yves Lion in seinem Pariser Büro

(Foto: Johannes Simon)

Nichts wie hin! Die steinharten Banlieues im Norden anschauen. Dazu Ricardo Bofills total verrückte Architektur, diese größenwahnsinnigen Versuche, sozialen Wohnungsbau mal anders zu betreiben. Im krassen Kontrast dazu die waldumsäumten, glänzenden Vororte im Westen: Hauts-de-Seine ist das reichste, das direkt angrenzende Seine-Saint-Denis das ärmste Departement Frankreichs. Stadtführungen entlang der neu entstehenden U-Bahnlinien und abends im neuen Hotspot Pantin mit Künstlern und Bewohnern... Tja. So stellt man sich das vorher vor.

Die Wahrheit ist: Die Reise besteht zu elend großen Teilen aus Stunden im Stau. Stehen auf dem Boulevard Périphérique. Aber genau da beginnen ja auch die Probleme von Paris: 35 Kilometer Ringautobahn rund um die Hauptstadt; die befahrenste Straße Europas; ein städtebauliches Steinkorsett, acht bis zehn Spuren breit.

Keine andere Hauptstadt hat sich derart eingekesselt. New York oder London konnten ins Umland wuchern, aber Paris steckte im Grunde schon Ende des 19. Jahrhunderts in den Grenzen des heutigen Périphérique fest. Der "Bürgerkönig" Louis-Philippe hatte veranlasst, die Stadt mit einem Mauerring zu umgeben, weil er nach der Schlacht um Paris 1814 geschworen hatte, die glorreiche Hauptstadt werde nie mehr in die Hände der Feinde fallen. Militärisch war diese Befestigung schon zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung obsolet geworden (die Deutschen eroberten Paris denn auch 1870), der Wall wurde nach dem Ersten Weltkrieg geschleift.

Paris aber hat seither seine kaum überwindbare Demarkationslinie: innen und außen, Paris und "Les Zones", die Stadt und die Banlieue. Der Périphérique verläuft heute genau dort, wo einst der absurde Wall stand. Eine der vielen Folgen: Paris ist eng. Das Stadtquartier umfasst gerade mal 105 Quadratkilometer, Berlin ist mehr als achtmal so groß. Paris ist deshalb auch die am dichtesten bebaute Hauptstadt der Welt, circa 22 000 Einwohner leben auf einem Quadratkilometer. In München, Deutschlands engster Großstadt, leben auf derselben Fläche 4500 Menschen, in London 10 000.

Die Architektur entlang des Périphérique spiegelt diese Zweigeteiltheit der Stadt gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen sieht es aus, als würde die Stadt jenseits der Ringstraße ihre innere Spannung verlieren. Alles sackt plötzlich in sich zusammen. Innerhalb der Stadtautobahn strebt Wohnblock neben Wohnblock in die Höhe, ans Licht - draußen aber die elend graue Verwürfelung depressiver Neubauten, Baracken, Brachen, spitzwinklige Aluschnellbauten, kleinbürgerliche Backsteinreste aus der Vorkriegszeit - als hätte jemand mit dem Eimer Architekturreste nach draußen geschüttet.

Straßenszene in Seine-Saint-Denis, dem ärmsten Département Frankreichs

(Foto: Johannes Simon)

Zum anderen öffnet sich kein einziges größeres Gebäude, das innen an die Ringstraße anschließt, in Richtung Banlieue, alle repräsentativen Häuser schauen in Richtung Zentrum. Bis Jean Nouvel kam. Der streitbare französische Architekt hat die im Januar eröffnete neue Philharmonie nicht nur an den äußersten Rand der Stadt gebaut, im ärmlichen 19. Arrondissement, er hat den Haupteingang auch in Richtung Banlieue zeigen lassen. Als wollte er sagen: Ihr da drüben auf der anderen Seite, ihr habt auch ein Recht auf unsere Schönheit, Kunst, Musik.

Station 3: Nicht für Menschen gebaut

Trutzburg Abraxas

(Foto: Johannes Simon)

So ähnlich dachte sich das auch der katalanische Architekt Ricardo Bofill, als er Anfang der Achtzigerjahre den Auftrag bekam, in Noisy-le-Grand eine Sozialsiedlung zu bauen. Statt der anonymen Kästen wollte er den Leuten einen "Palacio" bieten. Das Resultat ist ein futuristisch-dunkler Moloch, der im Kleinstadtgewürfel von Noisy-le-Grand so fremd wirkt wie ein mesopotamischer Königspalast: Säulenhallen, so groß, dass stets ein unangenehmer Wind durchzieht. Verkachelte Durchgänge, trutzburgartige Mauern.

Ja, das Ensemble wurde nah an eine U-Bahn und eine Autobahnauffahrt gebaut. Ja, es spielt mit Architekturelementen aus vielerlei Epochen. Aber es wirkt nicht so, als sei es für Menschen gebaut worden, man fühlt sich winzig klein und unbehaust in den Katakomben. Der Riesenklotz diente denn auch schon zwei dystopischen Filmen als Kulisse: Terry Gilliam drehte hier 1984 die Außenszenen für "Brazil", und im vergangenen Jahr musste das Ensemble für den dritten Teil der "Tribute von Panem" als faschistoide Herrscherzentrale herhalten.

Blick auf einen Rest Himmel heraus aus einer dystopischen Architektur

(Foto: Johannes Simon)

Georges, einer der beiden Hausmeister des Palacio, hat gerade im fünften Stock einen Einkaufswagen von Carrefour entdeckt, den er runterbringen will. Der 48-jährige Schwarze fände es gut, wenn der Kasten abgerissen würde. "Lieber heute als morgen. Hier gibt's Drogen und Gewalt, die Aufzüge stinken nach Pisse und wer räumt am Ende auf? Ich." Man hat von hier oben zwar eine sensationelle Aussicht auf Paris, in der Ferne steht der Eiffelturm. In den Fluren aber stapeln sich Abfälle und aufgequollene Matratzen, im Eck liegt ein verrosteter Roller.

Wohnblock Abraxas: Dreck und Durcheinander, Drogen und Gewalt

(Foto: Johannes Simon)

Als George kurz darauf mit dem Einkaufswagen im Schlepptau im Erdgeschoss ankommt, steht einer der Bewohner vorm Aufzug: "Oh, gehst du einkaufen?" - "Ja, ich hol uns allen ein bisschen Zukunft." - Auf die Frage, was er von dem Zukunftsprojekt Grand Paris halte, sagt George: "Solche Projekte denken sie sich alle paar Jahre aus. Bei uns hier draußen kommt nichts davon an." Auf die Frage aber, ob er lieber nach Paris ziehen würde, guckt er, als hätte man ihm vorgeschlagen, auf die Äußeren Hebriden auszuwandern. "Was soll ich denn in Paris? Ich bin Banlieusard, das hier ist meine Heimat!"

Menschen am Rand der Stadt

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