Sound von Pink Floyd Alle Lust will Ewigkeit

Roger Waters bei einem Konzert der "The Wall"-Tour in Los Angeles 2010.

(Foto: REUTERS)

Nichts lag Pink Floyd je ferner als das Zertrümmern von Gitarren oder das Zeigen mittlerer Finger. Niemand arbeitet so hart an der Zeitlosigkeit. Das Geheimnis der Band: Sie bezwingt den heiklen, glühenden Stoff auf klassische Weise.

Von Michele Mari

Nach dem Album "Meddle" aus dem Jahr 1971 und erst recht nach dem zwei Jahre später erschienenen "The Dark Side of the Moon" inszenierte sich die britische Band Pink Floyd als Lordsiegelbewahrer von Pop-Klassizität. Ihre Kennzeichen: Sorgfalt, Ernst, Perfektion, formale Reinheit und eine architektonisch knitterfreie Konstruktion der Alben, hinzu kam die lyrische Qualität der Texte. Selbst die Bühnen-Präsenz der Bandmitglieder folgte diesen Vorgaben: betont zurückhaltend gekleidet, ohne die grellen Farben, die etwa The Who und die Rolling Stones um diese Zeit zur Schau stellten, und auch ohne das zügellose Auftreten von bad boys. Nichts lag Pink Floyd ferner als das Zertrümmern von Gitarren oder das Zeigen mittlerer Finger.

Auf der Bühne standen sie während des ganzen Konzerts fast reglos, man kann sagen, sie vergossen keinen Tropfen Schweiß. Nachdem sie gleichsam den strengen Weg von Mönchen eingeschlagen hatten, verschwanden ihre Porträts von den Plattencover, um gänzlich im Werk aufzugehen.

Dass sich die Band während der Aufführung von "The Wall", der größten Rock-Show aller Zeiten, hinter einer Mauer verbarg, erhält daher eine tiefe Bedeutung. Mit der sogenannten surrogate band, deren Mitglieder Gesichtsmasken aus Latex mit dem Konterfei der Originale trugen, überließen Pink Floyd dem Publikum ein falsches Bild ihrer selbst. Stattdessen inszenierten sie mit der Klarheit, die aus den Betrachtungen von Benjamin und Adorno herrührt, die Entfremdung und die Verdinglichung jeder Kunstproduktion.

15 Jahre lang ununterbrochen in den Top-10-Charts

Geprägt von ihrer Klassizität wurde Pink Floyd zur wichtigsten Pop-Gruppierung der Periode von 1968 bis 1983. Die Rede ist nicht von irgendwelchen 15 Jahren, sondern von der einmaligen Goldenen Zeit der modernen Musik. Es ist nicht schwer, etwa im Vergleich zu den Beatles, die Kennzeichen ihrer Überlegenheit zu erfassen. Es zweifelt sicher niemand daran, dass zum Beispiel die barocken Kleider des Sgt. Pepper oder das Yellow Submarine heute rettungslos veraltet sind, während das optische Prisma von "Dark Side of the Moon" und das Schwein von "Animals" als zeitlose Archetypen mit unveränderter Ausstrahlungskraft weiter bestehen.

Jedes Mal, wenn er hört, dass der außerordentliche Erfolg von "Dark Side of the Moon" - sie war über 15 Jahre lang ununterbrochen in den Top-10-Charts der am meisten verkauften Alben der Welt - auf die "Perfektion" zurückzuführen sei, ärgert sich Roger Waters jedoch darüber. Er erinnert daran, dass der Erfolg der Platte von der verstörenden Gewalt ihrer psychischen Inhalte herrührt.

Dies ist in der Tat das Geheimnis von Pink Floyd: sie bezwingen den heiklen, glühenden Stoff auf klassische Weise. Das heißt, sie stilisieren und vermessen, sprechen von Sex, Geld, Macht und Entfremdung, aber zunächst nur in der anmutig schwebenden und märchenhaften Weise, die das Gründungsmitglied der Band, Syd Barrett, geprägt hatte. Erst dann folgte die entsprechende, klare architektonische Konzeption von Roger Waters.