Sorge um Ungarns Kulturbetrieb Die große Säuberung

"Landesverräter, Juden und Schwuchteln": Die nationalistische Regierung in Ungarn besetzt alle Schlüsselstellen an Museen, Opern und Universitäten mit parteitreuen Leuten.

Von Michael Frank

Es gibt ja auch gute Nachrichten aus Ungarn. Soeben wurde beschlossen, den Großteil der Betriebskosten des Kodály-Zentrums in Pécs zu finanzieren, eines famosen philharmonischen Neubaus mit atemberaubender Akustik. Das ist bemerkenswert in einem so straff zentralisierten Land. Kulturpolitik ist, zumindest, wenn sie mit Ausgaben zusammenhängt, von nationalem Rang und damit meist Hauptstadtpolitik.

Ungarns Premier Viktor Orban (Bild) propagiert die Machtübernahme seiner nationalkonservativen Fidesz als Revolution.

(Foto: AFP)

Beruhigen wird diese Nachricht niemanden im Lande, der sich um den Kulturbetrieb sorgt. Denn während Europa zwar heftig über Ungarns fragwürdiges neues Mediengesetz streitet, gehe, so klagen Künstler und Wissenschaftler, die neue Regierung des nationalkonservativen Premiers Viktor Orban in der Kultur einen rigoros "völkischen" Weg, ohne dass das bisher zu großen Protesten geführt hätte. Rund 2,4 Millionen Euro wird Pécs' neuer Musiktempel aus Budapest bekommen. Selten aber war so klar, wo das Geld im schuldenbeladenen Ungarn herkommt: Die Regierung hat der freien Theaterszene sämtliche Basisförderungen gestrichen. Das sind rund 4,5 Millionen Euro im Jahr.

Dabei hat Ungarn zuletzt zumindest im Ausland hauptsächlich mit freien Produktionen Furore gemacht. International renommierte Theaternamen wie Árpád Schilling, László Hudi oder Béla Pintér haben allerdings nichts mit dem "magyarischen" Pathos zu tun, das in den Künsten und auch in der Architektur - mit einer Art Puszta-Lederhosen-Stil - das Land zu verheeren beginnt.

Die Tendenz ist nicht so neu wie die Regierung, man kann sie nicht nur der mit Zwei-Drittel-Mehrheit herrschenden nationalkonservativen Fidesz ankreiden. Da schwingt ein Impetus mit, der das Land schon seit der Abwendung vom Kommunismus durchtränkt hat, und den die neue Regierung nutzt, um den gesamten kulturellen Humus unter dem Beifall der sonst so schweigsamen Mehrheit rigoros umzugraben. Journalisten, Schriftsteller, Künstler, Musiker, Wissenschaftler, Intellektuelle warnen vor einer "Gleichschaltung" des gesamten Kulturbetriebs. Der Schriftsteller György Konrad redet von einer "neuen Art der Diktatur". Sein Kollege György Dalos vergleicht die Politik mit einer Mahlzeit, "in die man Dioxin gemischt hat".

Orban propagiert die Machtübernahme seiner Fidesz als "Revolution". Das postuliert auch die "Politische Deklaration über die nationale Zusammenarbeit", die Orbans persönliche Sache zu der der ganzen Nation macht, und die auf Regierungsgeheiß als Manifest in allen öffentlichen Räumen ausgehängt ist. Sie trifft Große und Kleine. So steht der Chef des Nationaltheaters unmittelbar vor der Ablösung. Er machte sich eines schrecklichen Vergehens schuldig, als er der Bitte des rumänischen Botschafters stattgab, den Nationalfeiertag seines Landes im Nationaltheater in Budapest zu feiern. Ein Proteststurm verhinderte das.

Lesen Sie auf Seite 2, wie die extreme Rechte "Landesverräter, Schwuchteln und Juden" für Missstände verantwortlich macht.

Vor dem Rechtsruck in Budapest

mehr...