Süddeutsche Zeitung

Sorge um Ungarns Kulturbetrieb:Die große Säuberung

"Landesverräter, Juden und Schwuchteln": Die nationalistische Regierung in Ungarn besetzt alle Schlüsselstellen an Museen, Opern und Universitäten mit parteitreuen Leuten.

Es gibt ja auch gute Nachrichten aus Ungarn. Soeben wurde beschlossen, den Großteil der Betriebskosten des Kodály-Zentrums in Pécs zu finanzieren, eines famosen philharmonischen Neubaus mit atemberaubender Akustik. Das ist bemerkenswert in einem so straff zentralisierten Land. Kulturpolitik ist, zumindest, wenn sie mit Ausgaben zusammenhängt, von nationalem Rang und damit meist Hauptstadtpolitik.

Beruhigen wird diese Nachricht niemanden im Lande, der sich um den Kulturbetrieb sorgt. Denn während Europa zwar heftig über Ungarns fragwürdiges neues Mediengesetz streitet, gehe, so klagen Künstler und Wissenschaftler, die neue Regierung des nationalkonservativen Premiers Viktor Orban in der Kultur einen rigoros "völkischen" Weg, ohne dass das bisher zu großen Protesten geführt hätte. Rund 2,4 Millionen Euro wird Pécs' neuer Musiktempel aus Budapest bekommen. Selten aber war so klar, wo das Geld im schuldenbeladenen Ungarn herkommt: Die Regierung hat der freien Theaterszene sämtliche Basisförderungen gestrichen. Das sind rund 4,5 Millionen Euro im Jahr.

Dabei hat Ungarn zuletzt zumindest im Ausland hauptsächlich mit freien Produktionen Furore gemacht. International renommierte Theaternamen wie Árpád Schilling, László Hudi oder Béla Pintér haben allerdings nichts mit dem "magyarischen" Pathos zu tun, das in den Künsten und auch in der Architektur - mit einer Art Puszta-Lederhosen-Stil - das Land zu verheeren beginnt.

Die Tendenz ist nicht so neu wie die Regierung, man kann sie nicht nur der mit Zwei-Drittel-Mehrheit herrschenden nationalkonservativen Fidesz ankreiden. Da schwingt ein Impetus mit, der das Land schon seit der Abwendung vom Kommunismus durchtränkt hat, und den die neue Regierung nutzt, um den gesamten kulturellen Humus unter dem Beifall der sonst so schweigsamen Mehrheit rigoros umzugraben. Journalisten, Schriftsteller, Künstler, Musiker, Wissenschaftler, Intellektuelle warnen vor einer "Gleichschaltung" des gesamten Kulturbetriebs. Der Schriftsteller György Konrad redet von einer "neuen Art der Diktatur". Sein Kollege György Dalos vergleicht die Politik mit einer Mahlzeit, "in die man Dioxin gemischt hat".

Orban propagiert die Machtübernahme seiner Fidesz als "Revolution". Das postuliert auch die "Politische Deklaration über die nationale Zusammenarbeit", die Orbans persönliche Sache zu der der ganzen Nation macht, und die auf Regierungsgeheiß als Manifest in allen öffentlichen Räumen ausgehängt ist. Sie trifft Große und Kleine. So steht der Chef des Nationaltheaters unmittelbar vor der Ablösung. Er machte sich eines schrecklichen Vergehens schuldig, als er der Bitte des rumänischen Botschafters stattgab, den Nationalfeiertag seines Landes im Nationaltheater in Budapest zu feiern. Ein Proteststurm verhinderte das.

Lesen Sie auf Seite 2, wie die extreme Rechte "Landesverräter, Schwuchteln und Juden" für Missstände verantwortlich macht.

Wo bleibt der Protest?

Direktor Róbert Alföldi hat damit der ungarischen Seele Schmach angetan, da doch "zu Rumänien auch Transsylvanien (Siebenbürgen), ein früherer Teil des ungarischen Reiches, gehört", wie ihm von einschlägiger Seite vorgeworfen wurde. Alföldi wurde prompt in die widerwärtige Riege der "Landesverräter, Schwuchteln und Juden" eingereiht, die neuerdings von der extremen Rechten, darunter der offen faschistischen Jobbik, für alles Böse verantwortlich gemacht wird. Orban-Leute wie der Publizist Zsolt Bayer, ein Freund des Premiers, stoßen nach.

Die strammen Nationalen schmähen in gleicher Weise auch Weltkünstler wie den Pianisten Andras Schiff. Er sieht sich wegen seiner Kritik einer derart schrillen Hetzkampagne ausgesetzt, dass er vorerst nicht wieder in Ungarn auftreten will. Ihm sind Daniel Barenboim und andere in einer Deklaration beigesprungen. Selbst Laszlo Solyom, bis vergangenen Herbst Staatspräsident Ungarns und einer der Förderer der Fidesz, als diese noch in der Opposition war, findet sich auf einer unter der Hand kursierenden Liste derer, die der "Heimat" schaden. Solyom, ein konservativer Verfassungsjurist, hat sich zu Schulden kommen lassen, dass er in Sachen Grundrechte kompromisslos ist.

Die Nationaltheater-Affäre kam der Regierung gelegen. Schließlich will sie alle Kulturposten rigoros mit eigenen Leuten besetzen. Den Anfang hatte man mit dem gesamten Führungskader der öffentlich-rechtlichen Medien gemacht, ohne dass in der EU jemand protestiert hätte. Die Direktionen der Mehrzahl der Museen und Galerien wurden bereits im Sommer und Herbst ausgewechselt. Dann kam Lajos Vass dran, der Direktor der Staatsoper, dem man Misswirtschaft vorwarf. Generalmusikdirektor Adam Fischer zog sich daraufhin resigniert von selbst zurück. Sein Interimsnachfolger ist ein Mann, der das Amt schon in der ersten Regierungszeit Orbans von 1998 bis 2002 innehatte. Die Akademie der Wissenschaften wird ausgeholzt. Die Mannschaft des Georg-Lukács-Archivs wird komplett ausgewechselt.

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás beklagte in einem dramatischen Appell einen "rechten Angriff auf die Freiheit und die Intellektuellen". 2000 Wissenschaftler haben unterschrieben. Die Philosophie-Professoren der New School for Social Research in New York sind ihrer früheren Kollegin Agnes Heller und deren Mitstreitern Michael Vajda und Sándor Radnóti in einem Brief an Orban beigesprungen. Sie alle sowie viele andere kritische Geister werden als Nestbeschmutzer und als "Bande" geschmäht.

Meist werden unliebsame Wissenschaftler beschuldigt, Fördergelder zweckentfremdet zu haben. Die Regierung macht sich keine Mühe, den Vorwurf zu entkräften, die Umbesetzungen seien politisch motiviert. Vass war immerhin einmal Kulturstaatssekretär einer sozialistischen Regierung. Der jetzige Staatssekretär für Kultur, Géza Szöcs, sagt, es sei eben notwendig, die Fehler der Sozialisten, die im Frühjahr 2010 die Wahlen krachend verloren haben, auszubessern: "Wenn wir die vielen Fehler der Sozialisten korrigieren, dann wird das böswillig interpretiert: Alle leitenden Künstler, die ihre Posten ihrer Loyalität zur Vorgängerregierung verdanken, glauben, dass es jetzt umgekehrt sei, dass sie aus rein politischen Gründen abgelöst werden, so wie es mit ihren Vorgängern passiert ist." Die ihrerseits durchaus korrupten Sozialisten haben acht Jahre lang ohne jede Fortune regiert. Ob mit oder ohne politische Beziehungen gibt es also kaum eine Leitungsperson im Kulturbetrieb, die nicht unter den Sozialisten ins Amt gekommen und deshalb jetzt zum Abschuss frei wäre.

Das Geld spielt in dem Spiel der völkischen Einordung eine große Rolle. Schon die Regierung des von den Sozialisten gestützten Premiers Gordon Bajnaj hatte den Kulturetat stark gekürzt. Nun aber wird noch rigoroser durchgegriffen. Verluste zu schreiben, gilt als Entlassungsgrund. Kultureinrichtungen sollen zwei Drittel ihres Etats selbst erwirtschaften. Jede Direktorin, jeder Leiter einer Kulturinstitution kann also hinausgeworfen werden: Opernhäuser, Theater, Museen, Sammlungen, sie alle arbeiten chronisch defizitär, zumal in einem derart armen Land. Misswirtschaft, Verschwendung ist zur stereotypen Begründung für fast alle Entlassungen oder die Weigerung geworden, Verträge zu verlängern.

Besonders hart trifft diese Säuberungswelle die Provinz. Ungarn leidet ohnehin unter krasser Verstädterung. Dennoch leistet sich so manche Klein- und Mittelstadt ein Theater. Kleine Museen, die sich nicht immer nur mit der engeren Heimat befassen, machen bescheidene, aber gute Figur. Nehmen wir wieder die Stadt Pécs als Beispiel, die mit ihren 170.000 Einwohnern 17 Museen unterhält. Hier ringt man schon ohne jede politische Einflussnahme ums Überleben. Beheizt wird längst keines der Häuser mehr.

Nun sind aber seit den letzten Kommunalwahlen auch 95 Prozent der ungarischen Gemeinden und beinahe alle Komitate (Regierungsbezirke) ebenfalls unter Fidesz-Herrschaft. Da rollen die Köpfe. Begründungen braucht man gar nicht lange zu suchen: Ein rechtsstaatlich ebenso fragwürdiges Gesetz wie die Medienkontrolle erlaubt, öffentliche Bedienstete binnen zweier Monate zu entlassen - ohne jede Begründung. Man handelt danach.

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SZ vom 25.01.2011/kelm
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