"Shootout - Keine Gnade" im Kino Der Alte kann noch kämpfen

Sylvester Stallone (mit Christian Slater) muss niemanden mehr überzeugen - das erledigt die Gartenschere.

Wer oder was ist eigentlich Sylvester Stallone? Der selbe sture Blick, vom ersten Rocky bis zum letzten Rambo, und immer die selbe Pose - auch in seinem neuen Film: "Shootout" zeigt ihn trotzdem als Auftragskiller.

Von Philipp Stadelmaier

Mitten in der Eröffnungsschießerei hält das Bild für einen Moment an. Da steht er nun, eingefroren zum Standbild, bewegungslos, zielend: Sylvester Stallone. Als würde Walter Hill in bester Achtzigerjahremanier von Anfang an klar machen, dass es hier weniger um die Story gehen wird als die Oberfläche, die Pose, den Körper. Gleichzeitig aber ist der Stopp auch eine Frage: Wer oder was ist eigentlich Sylvester Stallone?

"Shootout" zeigt ihn als Auftragskiller James Bonomo, der sich mit dem koreanischen Cop Taylor (Sung Kang) gegen skrupellose Schlawiner verbündet. Eine Reihe von Passbildern aus der Gefängnisdatei illustrieren die Vergangenheit seiner Figur, und während vom ersten Rocky bis zum letzten Rambo die Konterfeis vorbeiziehen, ist es, als befände man sich in einer Stallone-Retrospektive.

Gleichzeitig aber wird man von der Einsicht befallen, dass der Mann gar keine Geschichte hat, da er immer gleich aussieht. Ist das nicht stets der selbe sture, unwandelbare Blick durch all die Jahre hinweg? Bonomo, ein markanter Einzelgänger, der zurückgezogen an einem See lebt und in jede Bar konsequent nur seinen eigenen Whisky mitbringt, ist dann auch an seiner eigenen Geschichte relativ desinteressiert.

Um seine Tochter (Sarah Shahi) hat er sich nie gekümmert, und die sentimentale Versöhnung am Ende bleibt aus. Stattdessen wird er in einem grauen Ferrari weiter auf seiner eigenen Umlaufbahn dahinbrausen.

Stur, aber schelmisch: Da sind die prallen Schmolllippen, die hochgezogenen Augenbrauen, die großen Augen. Stallone, das ist dieses Gesicht, durch das er sich uns öffnet und zu uns spricht.

Die Gesichter seiner Actionkollegen Matt Damon und Arnold Schwarzenegger etwa sind unvergleichlich verschlossener, angespannter und komprimierter. Während aus Stallones Stiernacken munter die lakonischen One-Liner herauspurzeln, werden Jason Bourne und der Terminator innerlich und stumm von einer fremden Sprache gequält: Bourne von einem bioinformatischen Programm, der Terminator aus der Steiermark vom unbeherrschbaren Englisch.

Bei Schusswunden Pflaster und Lolli

Wenn Stallone dagegen frei und entspannt redet, dann auch um zu zeigen, dass man sich vom Reden überhaupt mal entspannen könne.

Hat er eine Frau wohl deswegen verschont, weil sie ihn zu sehr an seine Tochter erinnerte? Das fragt sein Partner einmal. Worauf Stallone deutlich macht, man möge ihn mit dem ganzen "unbewussten Übertragungsscheiß" verschonen.

Und als Taylor einmal angeschossen herumliegt, empfiehlt ihm Dr. Stallone ein Pflaster und einen Lolli - damit er die Klappe hält. Ist Stallone also eigentlich ein Clown? Keineswegs: Er polemisiert eher gegen eine Tendenz im gegenwärtigen amerikanischen Kino, die Selbstanalysen und monologischen Tiraden und auf die Spitze zu treiben - von Bigelows "Zero Dark Thirty" über Spielbergs "Lincoln" und Tarantinos "Django" bis hin zu P.T. Andersons "The Master".

"Shootout", wie zuvor schon "Skyfall", ist damit eine große Restauration der alten Garde, ein Kampf gegen wortgewandte Brechung, Intellektualisierung und Parodierung.

Was also ist Sylvester Stallone heute? Er ist sicher ebenso ein Held aus den Achtzigern wie Bond am Ende von "Skyfall" einer aus den Sechzigern ist, der zum soliden Handwerk zurückfindet.

Beruhigt einmal anhalten

Beider Vergangenheit liegt, ganz konkret und unzerredet, brach vor uns, ihr Alter ist offen zugegeben, und gerade das macht sie so kräftig, gesund und jung wie nie. Die Kampfszenen in "Shootout" finden etwa nicht von ungefähr in rasender Geschwindigkeit statt: Der Alte kann noch kämpfen, und wenn sie folglich schnell wieder vorbei sind, dann, weil er seine Kräfte sparen muss.

Wer also ist Stallone? Derjenige, dessen größte Kraft darin liegt, niemanden mehr von irgendetwas überzeugen zu müssen. Und der beruhigt, für eine Sekunde oder zwei, in einem Freeze Frame mal kurz anhalten kann.

Bullet to the Head, USA 2012 - Regie: Walter Hill. Buch: Alessandro Camon. Kamera: Lloyd Ahern II. Mit Sylvester Stallone, Sung Khan, Sarah Shahi, Christian Slater. Verleih: Constantin, 92 Min.