Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso Halleluja der Ambivalenz

Brünhilde für Hungernde? Die Doku "Knistern der Zeit" begleitet Christoph Schlingensiefs Traum von einem Operndorf in Burkina Faso. Was als weltfremde Künstlerphantasie begonnen hat, hat sich zu einem realen Entwicklungshilfeprojekt ausgewachsen.

Von Till Briegleb

Wäre die Idee nicht so absurd gewesen, die Umsetzung hätte nie konkret werden können. Das ist das Paradox von Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso. Als er 2008 zwei seiner großen Konflikt-Mythen - Richard Wagner und die afrikanische Geschichte - zu dem Projekt "Festpielhaus für Afrika" verband, sorgte vor allem der verstörte Reflex für die notwendige Aufmerksamkeit.

Ein Opernhaus in der Savanne, Brünnhilde für Hungernde? Der allgemeine "Was-soll-das?"-Chor war Teil von Schlingensiefs Kalkül. Auch der burkinesische Architekt Francis Kéré, der später das Dorf realisierte, reagierte zunächst brüskiert: "So eine Phantasie kann nur von jemandem kommen, der entweder Afrika nicht kennt oder der so satt ist, dass ihm nichts mehr einfällt außer Unsinn", lautete sein erster Eindruck.

Dass die Künstlerphantasie von Wagner zwischen Wellblechhütten heute eher aussieht wie ein hochanständiges Entwicklungshilfeprojekt, ist das Resultat einer langen Kompromissgeschichte. Zwischen Schlingensiefs schillernder Phantasie vom Grünen Hügel im Armenhaus der Welt und der afrikanischen Realität schliff sich das Projekt in eine neue Form. Die mag im Verhältnis zu Schlingensiefs Kunst wie Sozialarbeit wirken, stellt im Verhältnis zu den Bedingungen in Burkina Faso aber eine kleine Sensation dar. Und von dieser Kompromissgeschichte berichtet Sibylle Dahrendorfs Filmdokumentation "Knistern der Zeit".

Von 2009 an, als Schlingensief zunächst in Kamerun nach einem Standort für sein Festspielhaus suchte, hat Dahrendorf ihn mit der Kamera begleitet und dokumentiert, wie sich aus seiner Energie und Kérés praktischer Vernunft ein Ort entwickelte, der immer weniger Anti-Bayreuth und immer mehr konkrete Hilfe wurde. Schlingensiefs eigene Kommentare in diesem Film bezeugen diesen wachsenden Verzicht auf eine künstlerische Aussage.

Statt Siegfried im Lehmbau geht es schließlich um Flip-Kameras für die Kinder vor Ort. Und wenn die Dokumentation mit der Eröffnungszeremonie für die neue Schule im Oktober 2011 endet, in der jetzt 50 Kinder eine Volksschulbildung erhalten, dann wird ganz klar, dass dieser Film nicht Kunst-, sondern Ermutigungsgeschichte schreibt.

Die von Francis Kéré klimatechnisch optimierte Siedlung nahe der Hauptstadt Ouagadougou, die demnächst eine Krankenstation und vielleicht auch einmal das geplante, schneckenförmige Theater in seinem Zentrum erhalten wird, bedeutet eine Handlung ernsthafter Solidarität, die nur gelingen konnte, weil sie von Schlingensiefs aggressivem Polit-Schamanismus gedanklich so weit entfernt ist wie räumlich.

Bereit zu lernen, was die Menschen vor Ort wirklich brauchen, hat Schlingensief sein Traumbild von einem großen Ritual der Gegensätze, wie er es etwa in dem nie fertig gestellten Filmprojekt "African Twin Towers" - einer Trash-Version von Wagners "Nibelungen" in dem namibischen Slum "Area 7" - inszeniert hat, für echte Fürsorge losgelassen. Das ist die wahre Größe dieses Vermächtnisses.

Dass das Resultat dieser Bemühung am Ende eigentlich genau das ist, wogegen Schlingensief in seinen Operndorf-Aktionen in Deutschland immer polemisiert hat, nämlich ein Geld- und Ideentransfer aus dem reichen Europa in das arme Afrika, unterschlägt Dahrendorfs Film nicht. Ausschnitte von Schlingensiefs letzter Produktion "Via Intolleranza II", für die er in Burkina Faso die Darsteller gecastet hat, zeigen ihn kurz vor seinem Tod als den großartigen Begriffs-Jongleur, der dem Publikum die Klischees seiner Mitleidshaltung gegenüber Afrika vorführt. Doch der schlimme Gutmensch, den er in diesen Szenen karikiert, war er im Kern eben selbst - was in diesem Zusammenhang weniger Widerspruch als Menschlichkeit zeigt.

Obwohl Schlingensiefs Tod 2010 ständig Thema ist, wird "Knistern der Zeit" nicht zu einem Porträt seines Sterbens. Stattdessen bemüht sich Dahrendorf, Schlingensiefs besondere Persönlichkeit in all ihren Facetten aufleben zu lassen - und dazu gehören auch ein paar weniger sympathische. Dass Schlingensief sehr ungerecht sein konnte, auch zu Menschen, die sich für ihn aufgeopfert haben, deutet dieser Film ebenso an wie seine außergewöhnliche Eitelkeit. Doch erst so wird dieser Film glaubwürdig.

Ein reines "Halleluja" auf Christoph Schlingensief wäre seiner Persönlichkeit kaum gerecht geworden. Denn das typische "Halleluja", das Schlingensief in seinen Selbstinszenierungen so gerne ausgerufen hat, war ein Jubel der Selbstironie. Und diese Ambivalenz macht auch "Knistern der Zeit" zu einer würdigen Hommage an diesen großen verschollenen Kunstdorf-Wilden.

KNISTERN DER ZEIT, D 2012 - Regie, Buch: Sibylle Dahrendorf. Kamera: Philipp Tornau u.a. Filmgalerie 451, 111 Min.