"Es gibt keine Einbahnstraße vom Genom zur Persönlichkeit, sondern ein viele Aktivitätsebenen umspannendes Wirkungsnetz", kommentiert der Berliner Psychologe Asendorpf. Dass ein Gen direkt auf eine Persönlichkeitseigenschaft wie Intelligenz wirke, sei ähnlich abwegig wie die Annahme, es müsse sich ein Strick-Gen im menschlichen Genom verbergen, nur deshalb, weil fast ausschließlich Frauen diese Tätigkeit ausüben und das Geschlecht sich nun mal in aller Regel rein genetisch entscheide.

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Das Genom sei, so Asendorpf, eben kein einfaches Programm, das einfach abgespult werde. Vor allem bei einer so komplexen Eigenschaft wie der Intelligenz stehen viele Gene und ihre Produkte in Wechselwirkung miteinander, wobei die Genaktivität zudem zeitlich variabel ist und eben auch von der Umwelt abhängt. Angemessener sei daher der Vergleich des Genoms mit einem Text, aus dem im Verlauf des Lebens immer wieder kleine Teile abgelesen werden, wobei der Text nur begrenzt, was gelesen werden kann. Er entscheidet nicht, was überhaupt oder zu einem bestimmten Zeitpunkt gelesen wird. Das hänge auch davon ab, was zuvor und mit welchen Wirkungen gelesen wurde, Rückkopplungseffekte seien zu beachten.

Die Forschung spricht dafür, dass auch die Intelligenz in einem derartigen komplexen Zusammenwirken von Erbgut und Umwelt entsteht, wobei sich beide Faktoren gegenseitig beeinflussen. So wird sich ein intelligent veranlagtes Kind eher in die Bücherei begeben und Bücher lesen, die wiederum seine Intelligenz anregen, die wiederum zu weiterer Lektüre führen. Geschwister, Elternhaus, Lernumwelten in der Schule entscheiden also mit, ob das Genom überhaupt zeigen kann, was in ihm steckt.

Ob Gen oder Umwelt wirkt, ist also manchmal gar nicht klar zu unterscheiden. Eine klassische Studie zu diesem Thema publizierte die US-Psychologin Barbara Burks bereits 1928. Sie konnte im Vergleich von Adoptions- und Kontrollfamilien nachweisen, dass intelligente Kinder, wenn sie in der leiblichen Familie aufwachsen, tendenziell profitieren: Ihre Eltern schaffen aufgrund ihrer eigenen Intelligenz, die zum Teil auf der Ähnlichkeit ihres Genoms mit dem der Kinder beruht, eine intellektuell anregendere Umgebung mit mehr Büchern und Kultur. Experten sprechen hier von einer passiven Genom-Umwelt-Kovarianz.

Umgekehrt können schlechte Umwelten negative Auswirkungen auf die Intelligenzentwicklung nehmen. Mehrere Studien zeigen, dass Kinder zwar durchaus ein oder zwei Risikofaktoren wie Armut oder labile Eltern verkraften. Wenn es aber mehr als ein halbes Dutzend Risikofaktoren werden, dann sinkt der Durchschnitts-IQ der betroffenen Kinder um bis zu 30 Prozent. Trotz des prinzipiell starken genetischen Einflusses kann also die Umwelt entscheidend dafür sein, ob ein Kind Abitur macht oder auf der Förderschule landet. Angesichts solch komplizierter Zusammenhänge zu postulieren, dass Intelligenz einfach nur so von Generation zu Generation weitergereicht werde, ist etwas platt.

Im Übrigen gibt es für die Warner vor dem intellektuellen Untergang des Abendlandes noch eine interessante Nachricht: In den westlichen Kulturen nahm zumindest bis zum Ende des 20. Jahrhunderts der durchschnittliche IQ beständig zu. Und dieser Zuwachs von etwa drei Punkten pro Jahrzehnt war zu schnell, um ihn genetisch zu erklären. Vermutlich beruhte dieser sogenannte Flynn-Effekt auf den sich ständig verbessernden Lebensbedingungen von Schwangeren und Kleinkindern, wohl deshalb korreliert er auch mit der ständig wachsenden Körpergröße.

So wissenschaftlich differenziert argumentiert Thilo Sarrazin also gar nicht. Er führt dann eben doch Charles Darwin und Gregor Mendel ins Feld, deren genetische Grundlagenforschungen aus dem 19. Jahrhundert zunächst einmal den Erbsen und den Schnabeltieren galten. Die großen Namen der modernen Genetik und Evolutionsbiologie, Steven Pinker, George Church oder Craig Venter, die Debatten die sie auslösten, die fehlen. Denn die Unsicherheiten der Wissenschaft passen nicht in die schlichte Rhetorik von "Deutschland schafft sich ab".

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  1. Gehirn und Erbse
  2. Sie lesen jetzt Gen oder Umwelt?
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(SZ vom 02.09.2010/ls/rus)