Sarrazin: Intelligenz definieren Gehirn und Erbse

Es gibt ja auch kein Strick-Gen: Thilo Sarrazin politisiert mit seinen Aussagen über erbliche Intelligenz wissenschaftliche Ungewissheiten. Und was ist überhaupt Intelligenz?

Von Andrian Kreye und Christian Weber

Wenn man in diesen Tagen vor einer Münchner Waschstraße eine recht umgangssprachliche Diskussion über Genetik und Bildungswesen verfolgen kann, dann geht es natürlich um: "Sarrazin". Um den Polemiker, der wie ein Popstar keinen Vornamen mehr braucht. Und deswegen sind solche volkstümlichen Debatten kein Bildungserfolg, sondern ein Problem. Thilo Sarrazin hat in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" ein rhetorisches Minenfeld betreten. Er führt die Naturwissenschaften als Zeugen für seine gesellschaftspolitischen Thesen vor.

Der liberale Ekelreflex, der sich da einstellt, wurzelt sicherlich im frühen 20. Jahrhundert, als die Eugenik die Grundlagen für Rassenlehren begründete. Doch die biologischen Erklärungen für Intelligenz beschränken sich nicht nur auf die Herrenrassen-Ideologie der Nazis. Vom akademischen Rassismus in der "Belle Curve"-Theorie der Harvard-Wissenschaftler Charles Murray und Herrnstein bis zum philosemitischen Biologismus des Anthropologen Gregory Cochran haben die Debatten doch immer wieder dahin geführt, dass die Naturwissenschaft nicht ausreicht, um Mensch und Gesellschaft zu erfassen.

Das Perfide an Sarrazins Argumentation: Viele Details sind korrekt, nur das Gesamtbild stimmt nicht. Das Problem beginnt bereits damit, dass Psychologen sich bis heute schwer damit tun, Intelligenz überhaupt zu definieren. Eine Minderheit von Forschern zweifelt deshalb sogar am Sinn eines einheitlichen IQs. Der Harvard-Psychologe Howard Gardner schlug vor, mindestens sieben Intelligenzarten zu unterscheiden, darunter auch musikalische, körperlich-kinästhetische oder emotionale Intelligenz. Seine Hypothese fand viel Zuspruch in der Öffentlichkeit, auch deshalb, weil sich nun jede gesellige Runde für ihre schlechten Mathematik-Noten entschuldigen konnte: Man verfüge ja immerhin über soziale Kompetenz. Gardners Konzept wurde jedoch nie empirisch geprüft; zudem bezweifeln die meisten Fachkollegen, ob man Fähigkeiten wie Kompetenz beim Umgang mit anderen Menschen als kognitive Leistung werten sollte.

Viele Psychologen flüchten sich deshalb achselzuckend in eine Scheindefinition. Sie sagen: "Intelligenz ist, was Intelligenztests messen." Das klingt absurder, als es ist, denn der IQ-Wert prognostiziert nämlich tatsächlich relativ zuverlässig schulischen und beruflichen Erfolg. Der Persönlichkeitspsychologe Jens Asendorpf von der Berliner Humboldt-Universtität geht deshalb einen Schritt weiter und definiert in seinem führenden Lehrbuch: "Intelligenz ist, was Intelligenztests messen, die so konstruiert wurden, dass sie das Bildungsniveau möglich gut vorhersagen." Oder kurz: "Intelligenz ist die Fähigkeit zu hoher Bildung." Und da Abitur und gute Uni-Abschlüsse letztlich auch zu Sozialprestige und hohen beruflichen Status führen, verwundert es nicht, dass auch der Streit um die Herkunft von Intelligenz-Unterschieden immer wieder unerbittlich geführt wird.

Einig ist man sich heute in der Wissenschaft zumindest, dass Intelligenzunterschiede sowohl durch Vererbung als auch durch die Umwelt zu erklären sind. In einem vor kurzem erschienenen Überblicksartikel eines Psychologenteams um Ian Deary von der University of Edinburgh wird der Einfluss der Gene auf die Intelligenz in der Tat auf 30 bis 80 Prozent geschätzt - relativ niedrig sei er in der Kindheit, während er beim Erwachsenen auf 70 bis 80 Prozent ansteigt. Die entscheidende Frage ist allerdings: Was bedeutet diese Aussage?

Lesen Sie weiter auf Seite 2, welche Umweltfaktoren und welche genetischen Faktoren eine Rolle spielen.

"Kalt duschen ist viel gesünder"

mehr...