Sänger Gunter Gabriel verstorben "Alles im Arsch natürlich!"

Gunter Gabriel im Januar 2011: "Ich bin eine Frohnatur. Leckt mich am Arsch! Und: Ich werd euch jetzt beglücken."

(Foto: Regina Schmeken)

Aber wer wird deshalb gleich jammern? Das Leben von Sänger Gunter Gabriel war eine stete Abfolge von Untergang und Wiederauferstehung. Über einen, bei dem Wahnsinn und Geradlinigkeit dasselbe waren.

Von Jakob Biazza

Es passiert nicht oft, dass das Wesen eines Menschen in eine einzige, irre Szene passt. So geradlinig sind Leute ja nicht. Oder so wahnsinnig. Vermutlich war Gunter Gabriel sogar beides. Oder nein: Vermutlich wurde Gunter Gabriel einfach in ein Leben geschossen, in dem Wahnsinn nichts anderes als Geradlinigkeit war. In der Szene jedenfalls, die vielleicht tatsächlich das ganze irrwitzige, brutale und gleichzeitig so wunderbar sensible Wesen dieses Künstlers enthält, verdrosch er seinen pathologisch autoritären Vater derart heftig, dass der in eine Vitrine mit Meißner Porzellan krachte. Die Antwort auf Jahre der Prügel, die Gabriel in den Jahren zuvor bezogen hatte.

Und faszinierend sind nun zwei Dinge: Die unglaubliche Lakonie, mit der Gabriel Jahrzehnte später der SZ die Szene beschrieb - "Der hatte da so Adler und Rehe stehen, war alles im Arsch natürlich." - und mehr noch der Grund für den Ausbruch.

Schlagersänger Gunter Gabriel ist tot

Der 75-Jährige starb an den Folgen eines Sturzes. Seine Fans trauern um den "deutschen Johnny Cash", der sich selbst als Malocher-Musiker und Stimme des "kleinen Mannes" sah. mehr ...

Ein Tiefensensibler - aber auch immer einen Tick zu grob

Der Vater hatte nämlich vor versammelter Mannschaft aus den Tagebüchern seines Sohnes vorgelesen. Man muss sich das wohl dringend als picklig-peinigend, weil enthüllenden Teenager-Kram vorstellen. Nicht einfach als die Worte eines Unsicheren, eines Suchenden. Das sind ja alle in diesem Alter. Sondern als die intimen Gedanken eines Tiefensensiblen, der äußerlich immer einen Tick zu eckig, zu sperrig, zu grob war, als dass man diese Sensibilität erwarten würde. Solche Kombinationen explodieren irgendwann fast zwangsläufig, wenn der Druck nur hoch genug ist. Und der Druck, der immer wieder auf Gunter Gabriel gewirkt hat, dürfte gewaltig gewesen sein. Deshalb ist er wohl so oft explodiert.

Zu der Zeit, als der Sänger seinem Vater all die Gewalt, den Suff, diesen ganzen Dreck eben, endlich heimzahlte, war Gabriels Mutter schon viele Jahre tot - gestorben bei einer Abtreibung. Mit einer Stricknadel. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das. Der 1942 in Bünde in Nordrhein-Westfalen geborene Gabriel hieß damals noch Günter Caspelherr und hatte bereits einen schweren Verkehrsunfall hinter sich, bei dem er fast gestorben wäre (elf Jahre alt war er da). Insgesamt ein Jahr verbrachte er im Krankenhaus. Alles im Arsch natürlich.

Später brach er erst die Volksschule ab, dann das Maschinenbaustudium. Elvis war wichtiger geworden. Der King. Der Rock 'n' Roll. Gabriels Stiefmutter hatte ihm eine Gitarre geschenkt. Als Jugendlicher brachte er sich das Spielen darauf selbst bei. Nie brillant. Aber schnell großartig. Weil er seine Gitarre mit derselben selbstverständlichen Haltung spielte, mit der er auch lebte. Mit derselben Lakonie, die nur bekommt, wer fast alles erlebt hat - und trotzdem noch lebt. Wer eigentlich zu sensibel ist für diese Welt - und sich ihr trotzdem entgegenstellt. Und wenn es nur mit dem Arsch voraus ist.

Klar, dass so einer zum Country kommt. Und immer wieder: zu Johnny Cash. Denn wenn Caspelherr, der sich nach der Hochzeit mit seiner ersten Ehefrau Gabriele fortan Gunter Gabriel nannte, "Ich werd gesucht in Bremerhaven" sang, hörte man schließlich eigentlich Cashs "Wanted Man". Aber man hörte immer auch mehr. Mehr Leid vielleicht sogar. Aber ziemlich sicher mehr Gelassenheit beim Ertragen.

Wenn Gabriel also später von seinem Vater sang ("Papa trinkt Bier"), klang das so: "Herr Präsident, mein Vater hat zu viel Freizeit/Herr Präsident, das geht auf Dauer nicht gut/Herr Präsident, mein Vater braucht wieder Arbeit/Sonst macht ihn dieses Nichtstun auf Dauer noch kaputt." Fazit des Liedes: "Papa trinkt Bier, Mama hat's schwer, der Schornstein raucht nicht mehr." Alles im Arsch? Natürlich. Aber wer wird deshalb denn gleich jammern?

Damals hatte er - im Herzen zumindest, die deutschen Produktionen waren zu dieser Zeit leider noch etwas schlimmer als heute - bereits zum Country gefunden, "weil ich nicht mehr drauf hatte. Country ist ja eine Volksmusik. Ganz einfach, drei Akkorde - simpler geht's nicht", sagte der Sänger in einem Interview mit der Berliner Zeitung. "Aber das ist auch der Reiz dieses Genres. Da muss man dann entweder ein super Instrumentalist sein oder du musst geile Geschichten erzählen. Country passte eben auch hervorragend zu meiner Männlichkeit."