Kapitalismuskritik Von der Rampensau zum Revoluzzer

Schöner Spinner: Russell Brand will seine Selbstverliebtheit für die gute Sache überwinden.

(Foto: dpa)

Drogen, Sex und Powershopping: Russell Brand hat sich alles reingezogen. Doch was, wenn man das nicht mehr will? Jetzt bläst der Comedian zum Frontalangriff auf den Kapitalismus und auf unser aller falsches Leben.

Von Bernd Graff

Da ist zunächst einmal dieses perfekte Gebiss. Zwei Reihen herrlich strammstehender Zähne, weiß und so funkelnd, dass man meint, die Welt spiegele sich darin wie in einem Schaufenster.

Diese Zähne gehören Russell Brand, er zeigt sie oft. Bei einem Lachen, für das man wohl das Wort "gewinnend" erfunden hat. Allenfalls Clooney kann da mithalten. Und Brand zeigt sein Zahnspalier, bevor er es in der Kehle eines Feindes vergräbt. Russell Brand hat viele Feinde, auch solche, die noch gar nicht wissen, dass Brand ihnen feindlich gesinnt ist. Er verbeißt sie alle. Jetzt auch schriftlich: "Revolution. Anleitung für eine neue Weltordnung" ist sein Buch betitelt, mit dem er zum Frontalangriff auf unser aller falsches Leben ansetzt.

Ein Rockstar sieht so aus, ein Jesusdarsteller auch

Das Umstürzlertum ist jedoch kein Label, das Brand von vornherein anhaftete. Es ist neu. Zunächst wurde er auffällig als ein Schönling, Partylöwe und Powershopper, als britischer Beau mit Seidenschal, mit offenem Hemd, Ketten und Kajal-Augen, viel gewelltem Haupthaar und ausgesuchtesten Tattoos. Ein Rockstar sieht so aus, ein Jesusdarsteller auf Kitschpostkarten auch. Doch tatsächlich ist dieser Mann ein Comedian. Brand verdiente sein Geld bislang nicht als Revoluzzer und Autor, sondern als Schauspieler sowie als Radio- und Fernseh-Host. Mit Stand-up-Comedy ist Brand um die Jahrtausendwende bekannt geworden. Schon damals war sein bestes Thema: er selbst, sein Leben, seine Drogen- und Alkoholsucht, der viele Sex, die Sünden einer Jugend also, die indes nicht leicht war.

Russell Edward Brand, geboren 1975, er wird bald vierzig, wuchs bei seiner Mutter auf, die mehrmals schwer erkrankte, er lebte dann bei Verwandten, wurde mit sieben missbraucht, erkrankte mit 14 an Bulimie, wurde wegen Drogen und unsteter Teilnahme von der Theater-Akademie geschmissen. Aber: Er reüssierte.

Laurie Penny und der Feminismus Der Körper als Kapital

Der Feminismus sei zur Hochleistungsmaschine verdreht worden, sagt Laurie Penny in ihrem Buch "Unsagbare Dinge". Das hängt zusammen mit der Krise des Kapitalismus.

Bei MTV und BBC rausgeschmissen

Vor allem natürlich als Frauenheld, aber dann auch als Video-Beiträger für MTV. Dort wurde er aber erst einmal gefeuert, weil er am Tag nach dem 11. September 2001 als Osama bin Laden verkleidet im Studio auftauchte. Seinen Drogen-Dealer hatte er auch noch mitgebracht. Danach sah man ihn Jahre lang im Umfeld von Big-Brother-Shows und als Conférencier von Musik-Awards.

Von der BBC wurde er rausgeschmissen, weil er während einer Live-Übertragung bei einem Schauspieler anrief und sich auf dessen Anrufbeantworter über die sexuellen Qualitäten seiner Enkelin ausließ. Bei den NME-Awards im Jahr 2006 nannte ihn der "Band-Aid-Erfinder" Bob Geldof eine "Fotze", worauf Brand erwiderte: "Kein Wunder, dass sich Geldof so gut mit Hunger auskennt, muss er doch seit 30 Jahren von "I don't like Mondays" leben." Bei den "2008 MTV Music Awards" verglich er Britney Spears mit Christus, nannte George W. Bush einen "zurückgebliebenen Cowboy", dem man "in England keine Schere in die Hand geben" würde, und forderte dazu auf, Barack Obama zu wählen. Dafür erhielt er Morddrohungen.

Von GQ zum mirakulösesten Mann 2013 gewählt

Liam Gallagher, der Sänger von Oasis, belächelte Brands Freundschaft mit Bruder Noel und nannte die beiden "zwei alte Hausfrauen". Dazu sei Brand "nur ein Arsch, jede Frau kann etwas Besseres finden". Als die Zeitschrift GQ, gesponsert vom Modelabel Hugo Boss, den Komiker Brand 2013 zum mirakulösesten Mann des Jahres wählte, erinnerte dieser daran, dass Hugo Boss die Uniformen der Nazis geschneidert habe und sie beim Genozid darin auch wirklich "fucking fantastisch" aussahen. Sein Privatleben nahm dann noch einmal richtig Fahrt auf, als er für ein paar Monate mit der Popsängerin Katy Perry verheiratet war und sich in dieser Zeit ein paar Mal mit Paparazzi prügelte.

Russell Brand ist also ein strahlend grinsendes Monster, eitel, selbstverliebt, aber auch smart genug, sich selber hochnehmen zu können. Bei einem Auftritt in New York berichtete er von seiner absurden Geltungssucht und sagte dazu den wundervollen Satz: "Meine Persönlichkeit funktioniert nicht ohne Ruhm. Ohne ihn würde ich ja aussehen wie ein Geistesgestörter."