Politik und Scham Der Pranger als politische Waffe

Die Umweltwissenschaftlerin Jennifer Jacquet plädiert dafür, die öffentliche Beschämung im Kampf gegen Umweltverschmutzung oder Menschenrechtsverletzungen zu nutzen.

(Foto: privat)

Die Welt wird besser, wenn Leute öffentlich bloßgestellt werden, sagt die Wissenschaftlerin Jennifer Jacquet. Ein Interview über das politisch unterschätzte Gefühl der Scham - und warum es bei Donald Trump nicht wirkt.

Von Jakob Biazza

Öffentliche Bloßstellungen haben vor allem in Deutschland einen schlechten Ruf. In Amerika ist das sogenannte public shaming deutlich verbreiteter - und akzeptierter. Jennifer Jacquet ist Umweltwissenschaftlerin an der Universität New York und sieht im Bloßstellen ein bisher viel zu wenig genutztes Potenzial. In ihrem Buch "Scham - Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls" plädiert sie dafür, öffentliches Beschämen im Kampf gegen Umweltverschmutzung oder Menschenrechtsverletzungen zu nutzen. Entsprechende Kampagnen haben große Wirkung gezeigt, etwa gegen Banken, die in fossile Energien investieren.

SZ: Frau Jacquet, gibt es Menschen, die sich nicht schämen?

Jennifer Jacquet: Das sind extreme Ausnahmen. Selbst ausgewiesene Psychopathen, bei denen man das noch am ehesten annehmen könnte, tragen zum Beispiel Kleidung. Oder kauen mit geschlossenem Mund. Offenbar wollen auch sie immer noch bestimmten sozialen Normen entsprechen, die sie nicht interessierten, wären sie von Wölfen aufgezogen worden.

Donald Trump scheint eine deutliche Resistenz gegen das Gefühl entwickelt zu haben.

Aber auch er sorgt sich doch eindeutig um seine Reputation - nur vielleicht nicht in Bereichen, die wir von früheren US-Präsidenten gewohnt sind. Es ist ihm aber sicher wichtig, zum Beispiel als reich zu gelten. Sein Schamgefühl spricht eher bei der Frage nach geschäftlichen Erfolgen oder Misserfolgen an. Übrigens ein Charakterzug, den er mit einigen Menschen im Finanzsektor gemein hat: Auch sie kennen Scham eher, wenn es um ihre Performance geht oder ihre Einkünfte - nicht so sehr beim sozialen Gewissen.

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Das klingt, als könnte man solche Menschen nur schwer dazu bewegen, weiche Normen einzuhalten, die keinen Gesetzescharakter haben.

Trump ist dafür in gutes Beispiel. Er verändert und ignoriert die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens wie wohl kein amerikanischer Präsident vor ihm. Denken Sie an die Weigerung, seine Steuererklärung zu veröffentlichen. Es gibt kein Sanktionsinstrument, das ihn dazu zwingen könnte - abgesehen davon, dass alle seine Vorgänger ihre Erklärungen veröffentlicht haben. Eigentlich ein Paradebeispiel für eine Norm, die sich mit public shaming durchsetzen ließe.

Und doch verfängt die öffentliche Bloßstellung und der Appell an Gewissen und Scham bei ihm selten. Gerade hat er eine weitere vermeintliche Selbstverständlichkeit einfach weggewischt: Rassisten klar für ihr menschenverachtendes Gedankengut und Handeln zu verurteilen.

Er stellt beinahe stolz zur Schau, dass er für diese Art von sozialen Normen unzugänglich ist. Bislang ja auch mit Erfolg: Die Widerwärtigkeiten, die er in dem im Wahlkampf geleakten Video über Frauen gesagt hat, hätten unter 100 Politikern wohl die Karriere von 99 beendet. Donald Trump scheint die große Anomalie zu sein.

Seine Anhänger feiern ihn genau für diese Unangepasstheit. Verändert er das Schamgefühl der gesamten Gesellschaft?

Das nun nicht. Was sich aber verändern könnte, sind die sozialen Normen, deren Verletzung als Anlass zur Scham gilt. Diese Werte sind nicht auf alle Zeit festgeschrieben. Sie verändern sich.

Weil wir sie ständig neu verhandeln?

Nur so ist Fortschritt möglich: Dass Vorbehalte gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen oder Ehen zurückgehen, dass Menschen sich für ihre Homosexualität nicht mehr schämen müssen, dass vielmehr sogar umgekehrt jetzt Homophobie in weiten Teilen der Bevölkerung geächtet wird, verdanken wir einer steten Wertediskussion. Aber die kann auch in die andere Richtung umschlagen.

Wenn also die Rede davon ist, dass eine Gesellschaft sich spaltet, heißt das auch, dass sie sich nicht mehr auf Normen einigen kann - und damit auf Dinge, für die man sich eigentlich schämen sollte?

Exakt. Damit fehlt auch die soziale Kontrolle. Scham braucht eine breite Öffentlichkeit, die etwas gemeinschaftlich verurteilt. Derzeit gibt es noch genügend Normen, die universell gelten.

Wann funktioniert öffentliches Bloßstellen am besten?

Wenn es um Kooperationsdilemmata geht. Der Staat Kalifornien veröffentlicht beispielsweise eine Liste von Steuerhinterziehern. Steuern sind ein klassisches Kooperationsdilemma: Wenn jeder sie zahlt, ergibt sich ein gesellschaftlicher Nutzen für alle. Für den Einzelnen ist es aber - wenigstens kurzfristig - besser, nicht zu zahlen. Einige werden sich also konform verhalten, andere hinterziehen Steuern. Natürlich könnte der Staat die einfach anklagen. Die Verantwortlichen haben aber lieber public shaming gewählt. Sie setzen sogar noch eine Ebene darunter an: Sie drohen nur damit, die Namen zu veröffentlichen, und schicken den Betroffenen vorher einen Brief. Man gab ihnen also die Chance, den Reputationsschaden zu verhindern. Offenbar war das für viele ein großer Antrieb, die Maßnahme funktionierte jedenfalls hervorragend.

Und das gilt auch für Staaten und Unternehmen?

Es ist oft die einzige Form sozialer Kontrolle, zumindest was friedliche Mittel angeht. Gerade bei Konflikten und Kooperationsdilemmata mit globaler Bedeutung bleibt uns oft nur, bei der Reputation anzusetzen - wie bei der Überfischung. Fischten alle deutlich weniger, könnte sich das Ökosystem langfristig erholen. Wer allerdings weiterhin fischt wie bisher, gewinnt am Markt. Hier bleibt nicht viel mehr als ein möglichst gezieltes public shaming. Die öffentliche Aufmerksamkeit kann bei Firmen zu Umsatzeinbrüchen führen - und bei Staaten zumindest zu einem Reputationsverlust.