Peter Probst: Blinde Flecken Nützliche Idioten

Jenseits vom schicken, gemütlichen München: Der Kriminalroman "Blinde Flecken" spielt im Münchner Neonazi-Milieu - mit erstaunlicher Nähe zur Realität.

Von Cathrin Kahlweit

In München steht derzeit der mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk vor Gericht. Bewiesen werden soll, dass der gebürtige Ukrainer im KZ Sobibor bei der Ermordung von etwa 30 000 Juden geholfen hat. Nun hat die Staatsanwaltschaft weitere Ermittlungen aufgenommen: Wie die FAZ Ende Januar berichtete, könnte Demjanjuk der Fahrer des Lastwagens gewesen sein, der im August 1947 in Ulm einen Juden totgefahren hat. Der Fahrer, sagen Zeugen, habe extra nochmal zurückgesetzt, um sicherzugehen, dass das Opfer tot ist.

"Blinde Flecken" dreht sich um Angst, um Sühne, vielleicht sogar um Gerechtigkeit - und nicht zuletzt um die Frage, welchen Einfluss Alt- und Neonazis in München haben.

(Foto: Foto: dtv)

Was das mit "Blinde Flecken" zu tun hat? Peter Probst hat in seinem neuen Buch eine ganze Reihe von Grausamkeiten, Merkwürdigkeiten und Überraschungen zusammengetragen, die auf den ersten Blick weit hergeholt wirken: perfide Verbrechen, geplante Straftaten, biographische Wechselbäder.

Allerdings erweist sich immer wieder: Probst fabuliert nicht, er schreibt auf, was ist - oder doch sein könnte. Unter anderem diese Amokfahrt mit dem Auto: Ein junger Mann rast in eine Gruppe von Juden hinein, die Folge: ein Toter, zwei Schwerverletzte. "Tim Burger", heißt es im ersten Kapitel, "hielt sich mit beiden Händen am Lenkrad fest und starrte auf den großen, roten Fleck auf seiner Windschutzscheibe. Er war ganz ruhig, sein Hass war verflogen." Ist Burger ein Neonazi? Hatte er es auf Juden abgesehen, so wie womöglich John Demjanjuk 1947 in Ulm?

Die Staatsanwaltschaft soll jetzt im realen Fall klären, ob es "aufgrund der Religionszugehörigkeit zu dem Fahrvorgang gekommen" sei, wie ein Behördensprecher sagt. Genau das soll auch Anton Schwarz tun, der leicht übergewichtige, geschiedene Ermittler und ehemalige Polizist, den Probst mit seinem Buch zum Leben erweckt - als hätte er die neuesten Ermittlungen zu der Amokfahrt in Ulm vorausgesehen.

Burger sitzt wegen der Amokfahrt ein, seine Entlassung steht kurz bevor, und nun soll Schwarz für den jüdischen Anwalt Karl Loewi - und für die Opfer, die Burgers Attacke überlebt haben - herausfinden, ob der Mann Rechtsextremist ist, ob er die jungen Leute absichtlich überfahren hat und ob neue Straftaten von ihm zu erwarten sind.

Es geht um Angst, um Sühne, vielleicht sogar um Gerechtigkeit - und nicht zuletzt um die Frage, welchen Einfluss Alt- und Neonazis in der Münchner Welt von Schwarz und Loewi haben. Aber weil Probst sehr genau recherchiert und hingeschaut hat, verschwimmen die Grenzen immer wieder.

Tatsächlich ist Tim Burger in der Haft massiv indoktriniert, ideologisch gestählt worden. Nicht von Mitgefangenen, nicht durch Selbststudium, sondern durch die "braune Hilfe". Realiter gibt es den 1951 gegründeten Verein "Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte e. V.", der es sich zur Aufgabe gemacht hat, verurteilte NS-Täter in ideeller und materieller Weise zu unterstützen.

Harmlos und ein wenig doof

In Burgers Fall ist es der Gefängnispsychologe, Jörg von Medingen, der sich des Jungen angenommen hat und ihn zu seinem Werkzeug macht. Burgers Ex-Freundin wiederum, eine attraktive Blondine, gibt sich harmlos und ein wenig doof. Doch auch sie ist Teil der infamen und komplexen Inszenierung Medingens, die schließlich zu einem weiteren Mord führt.

Anton Schwarz ermittelt in der Nazi-Szene und bei alten Freunden von Burger, er redet mit Informanten und Ex-Kollegen - und beobachtet den Psychologen von Medingen. Der gibt sich solide und konservativ-ehrbar, wahrt den Schein, doch hinter sich schart er nützliche Idioten. Was plant der Mann? Und mit welchen schmutzigen Mitteln will er sein Ziel erreichen?

Auch der reale bayerische Verfassungsschutzbericht von 2009 kennt solche Typen: Es sei zuletzt zu einem Bruch des neonazistischen Lagers mit den orthodoxen Kräften der NPD gekommen, heißt es in dem Papier; seither werde seitens bayerischer Abweichler der "Aufbau einer nationalen Alternative" betrieben. Der fiktive Anton Schwarz befindet sich also auch in dieser Hinsicht an der Grenze zwischen der literarischen und der realen Welt.

Peter Probst, der für das Fernsehen zahlreiche Tatorte und Polizeirufe verfasst hat, ist ein Krimikenner und -könner, aber nicht nur das. Der Autor hat, wie seine Frau, die Schriftstellerin Amelie Fried, einige jüdische Vorfahren, was ihm selbst lange nicht bekannt gewesen war. Gemeinsam mit Fried schrieb er vor zwei Jahren den Bestseller "Schuhhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte"; und auch in seinem originellen und durchaus anspruchsvollen München-Krimi findet sich jetzt die eine oder andere überraschende Parallele zur eigenen Biographie .

"Blinde Flecken" spielt, was bei dem Thema wiederum keine Überraschung ist, nicht im schicken, im gemütlichen München; seine Suche nach dem braunen Sumpf führt Schwarz vielmehr von der staubigen und lauten Landsberger Straße in ärmere Vororte, in die einstige Rüstungsarbeiter-Siedlung Geretsried und in türkische Wohnblocks.

Immer wieder ist er kurz vor dem Aufgeben, rennt in Sackgassen, zum Schluss vereitelt er mit Glück - und viel Hilfe - einen Anschlag. Tatsächlich hat München mit dem Bombenattentat vom Oktoberfest 1980, als 13 Menschen starben, und dem versuchten Anschlag auf die Grundsteinlegung der Münchner Synagoge 2003 eine unselige Geschichte neonazistischer Straftaten. Peter Probst ist mithin nicht nur ein komplexer, bisweilen anrührender Krimi gelungen; er macht auch "blinde Flecken" in den Köpfen seiner Leser wieder sichtbar.

PETER PROBST: Blinde Flecken. Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010. 256 Seiten, 8,95 Euro