Oscar Niemeyer im Interview 2011 Ein weiter Raum für die Gläubigen

Architekt Oscar Niemeyer in Rio de Janeiro im Jahr 2003.

(Foto: Reuters)

Ein Gespräch mit dem Jahrhundertarchitekten Oscar Niemeyer über seinen monumentalen Kathedralen-Bau in Belo Horizonte und sein Verhältnis zur Kirche.

Von Kia Vahland

Oscar Niemeyer ist Atheist, liebt aber spirituelle Bauaufgaben. Ein Gespräch im Dezember 2011 über seine neue Kathedrale in Belo Horizonte und sein Verhältnis zur Kirche.

SZ: Warum bauen Sie jetzt noch einmal eine Kathedrale?

Oscar Niemeyer : Dieser Bau wird ein monumentales Ganzes. Ich möchte die Kathedrale Cristo Rei besonders hervortreten lassen. Ihre differenzierten Linien inspirieren zur Kontemplation. Das alles sagt mir zu.

Warum bauen Sie die Kirche im armen Stadtnorden Belo Horizontes?

Standort und Ausrichtung waren schon vorgegeben in dem Programm, das mir das Bistum präsentierte. Die digitalen Modelle der Kathedrale - abgebildet in dem Band "As igrejas de Oscar Niemeyer " (Verlag Nosso Caminho) -, geben einen Eindruck, wie sich das Werk perfekt in das Ambiente einfügen wird.

Warum eine Kirche dieser Größe und nicht viele kleine Kapellen, etwa für das angrenzende Armenviertel Neves?

Ich wurde darum gebeten, eine majestätische Kathedrale zu zeichnen, andersartig und leicht, und so ist das Projekt dann auch verwirklicht worden. Es gefiel in der Erzdiözese allen, denn es bietet den Gläubigen einen weiten und einladenden Raum.

Ihr erster Sakralbau in Belo Horizonte, die Franziskuskirche von 1943, wurde jahrelang von der Kurie boykottiert. Wie hat sich die Kirche in Brasilien seit den vierziger Jahren verändert?

Ich glaube, dass die Kirche sich zum Besseren verändert hat - vor allem aufgrund von Führern wie etwa dem 1963 verstorbenen Papst Johannes XXIII. In Brasilien hat sich ein progressiver Flügel der katholischen Kirche entwickelt, der sich sehr für die Verteidigung sozialer Rechte einsetzt und eine mutige Position im Kampf gegen die 1985 gestürzte Militärdiktatur einnahm.

Wie denken Sie über die politisch motivierte Theologie der Befreiung nach Leonardo Boff, die auch in Teilen Belo Horizontes praktiziert wird?

Ich kenne die Befreiungstheologie kaum. Aber ich bewundere den Denker Leonardo Boff und seine kritische Haltung gegenüber sozialer Ausgrenzung, die noch immer eine Tatsache in den Gesellschaften unserer Zeit ist. Mir gefällt die Art, wie er eine Ethik der Solidarität und des Respekts dem anderen gegenüber vertritt.

Interview: Kia Vahland , Übersetzung: Michaela Metz

Die Reportage zu Oscar Niemeyer und Belo Horizonte aus der Süddeutschen Zeitung vom 15.11.2011 lesen Sier hier.