Ohrwurm des Sommers Wann wird's mal wieder richtig Sommerhit?

Richtig festgesetzt im Ohr hat sich diesen Sommer noch nichts. Der Sommerhit lässt auf sich warten.

(Foto: imago/Westend61)

Die Hitze ist allgegenwärtig. Doch eines fehlt an Eisdielen, Strandbars und Schwimmbädern: der Sommerhit. Warum, erklärt Nadine Arend von der Gesellschaft für Konsumforschung.

Von Klara Fröhlich

Helene Fischers "Atemlos durch die Nacht" ist keiner und Cros Song "Bye Bye" auch nicht. Sommerhits müssen von einem Newcomer stammen. Das zumindest sagt die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Sie kürt Mitte August den offiziellen Sommerhit des Jahres und hat dafür eigene Kriterien entwickelt. Doch warum setzt sich derzeit kein Ohrwurm von selbst durch?

SZ: Würden sie jetzt gerne Pharrell Williams anrufen?

Nadine Arend: Wieso?

Weil wir immer noch keinen Sommerhit haben ...

Nein, würde ich nicht (lacht). Ich glaube, von ihm kann kein Sommerhit mehr kommen. Nach GfK-Kriterien kommt der möglichst von einem Newcomer. Und Pharrell Williams ist leider schon zu bekannt.

Der Sommerhit muss etwas erfrischend Neues sein?

Genau. Wir haben uns vor ein paar Jahren auf Kriterien geeinigt. Zum Beispiel muss er eine eingängige Melodie haben, damit der Song diesen Ohrwurmcharakter hat. Dann ist ein einfacher, simpler Text, den man mitsingen kann, wichtig. Und ein Rhythmus, zu dem man tanzen kann. Ein Sommerhit soll gute Laune und Urlaubsstimmung verbreiten und in den Sommermonaten platziert sein. Manchmal gibt es schon eine Welle von guten Songs im April oder Mai oder erst im September. Die wären zwar gute Sommerhits, laufen aber leider zur falschen Zeit.

Nadine Arend von der GfK Entertainment: "Es darf auch Moldawisch sein."

(Foto: privat)

Welche Kriterien sind noch wichtig?

Der Song sollte es aus eigener Kraft in die Charts schaffen. Shakira oder Andreas Bourani mit irgendeinem WM-Song sind für uns keine Sommerhits. Wir suchen jemanden, der es von alleine auf Platz 1 schafft und sich dort lange hält.

Was kommt denn zurzeit besser an? Deutsche oder Englische Songs?

Das kann man so nicht sagen. Wir hatten zwar vor ein paar Wochen das Phänomen, dass die gesamte Top Ten der Albumcharts von deutschsprachigen Künstlern belegt war. In den Single-Charts lässt sich das so nicht sehen. Es gibt momentan nur drei deutsche Songs auf den ersten zehn Plätzen, darunter natürlich Cro auf Platz 1 mit "Bye Bye". Der Rest ist englischsprachig. Ob jetzt Deutsch, Englisch, Spanisch oder irgendeine andere Sprache - das ist nebensächlich. Wichtig ist, dass er ins Ohr geht.

Dann auch gerne auf Moldawisch wie der Song "Dragostea din tei" von O-Zone im Jahr 2004?

Ja, es darf auch Moldawisch sein. Der Song stand um die 14 Wochen auf Platz 1 in den Charts. Im Prinzip hat keiner wirklich was verstanden, aber alle fanden den Titel toll und haben gesungen, was auch immer sie gemeint haben zu hören.

Avicii (Mitte) lieferte 2013 den Sommerhit, DJ Felix De Laet (links) wurde 2014 mit "Are You With Me" international bekannt. Wird es dieses Jahr Felix Jaehn (rechts)?

(Foto: dpa)

Woran liegt es, dass wir längere Zeit keinen richtigen Sommerhit hatten?

Da kann man nur mutmaßen. Die Charts sind in den letzen Jahren sehr vielfältig geworden. Im Moment sind Elektro-Pop und Musikfeaturings schwer angesagt. Felix Jaehn hält sich seit mehreren Wochen in den Top Ten der Charts. Wir haben aber auch Hip Hop oder Schlager dabei. Bei all den verschiedenen Genres ist es für Künstler schwieriger geworden, den Song zu bieten, den alle hören wollen.

Und Pop ist da nur eine Sparte ...

Genau. Vor ein paar Jahren war zum Beispiel die Band Lordi, die den Eurovision-Song Contest gewonnen hat, total in. Es hätte sein können, dass die einen Sommerhit liefern.

Mit dem Internet sind viele neue Musik-Dienste dazu gekommen. Suchen wir uns über Spotify, Apple Music, Deezer unsere persönlichen Sommerhits aus?

Klar! Der eigene Sommerhit kann vom offiziellen abweichen. Jeder verbindet mit dem Sommer etwas anderes. Je nachdem, was man generell für Musik hört. Wir erfassen auch die Streaming-Dienste. Gerade im Single-Bereich ist der physische Markt stark rückläufig. Hier stehen digitale Verkaufswege - Download oder Streaming - stark im Vordergrund. Wenn ein Lied besonders häufig gestreamt wird, kann es natürlich auch zum Sommerhit werden.

Auch wenn sich im Augenblick kein Lied intuitiv aufdrängt, wird es einen offiziellen Sommerhit 2015 geben. Den küren Sie Mitte August. Ein Tipp?

Momentan ist noch alles offen. Für drei Songs sieht es bisher gut aus. Das sind "Ain't Nobody" von Felix Jaehn feat Jasmine Thompson, "Supergirl" von Anna Naklab feat. Alle Farben & Younotus und "Stole the show" von Kygo und Parson James.

Alles Elektro-Pop Titel.

Und alles Featurings. Das ist gerade sehr in.

Nach GfK-Kriterien: Was ist der erfolgreichste Sommerhit aller Zeiten?

Man könnte denken, es wäre ein Song aus den Neunzigerjahren, weil die so beliebt sind. Ist es aber nicht. Tatsächlich steht Lykke Li mit "I Follow Rivers" aus dem Jahr 2012 ganz vorne. Die Titel, die in den vergangenen fünf bis sieben Jahren in den Charts waren, kommen immer wieder und halten sich länger.

Spotify-Playlist der Sommerhits seit dem Jahr 2000