Neues Video von M.I.A. Was ist eigentlich los mit der Welt, verdammt?

Polizisten schießen auf Wehrlose, Boote voller Menschen gehen unter. Und wir? Sind nicht mal wütend. Rapperin M.I.A. treibt uns die Bequemlichkeit aus.

Von Johanna Bruckner

Seit gestern ist das neue M.I.A.-Video raus und es ist ein Schlag ins Gesicht ihrer musikalischen Konkurrenten. Seht her, so leicht ist es, klug und cool über Polizeigewalt, Armut und Flüchtlingskrise zu singen. So einfach ist es, Bilder zu schaffen, die nicht aus dem Werbevideo einer Hilfsorganisation stammen könnten und gerade deswegen eindrücklich sind. Aber "Borders", so der Titel des in der vergangenen Woche veröffentlichten Songs der britischen Rapperin, muss nicht nur anderen Künstlern weh tun. Sondern in erster Linie: uns.

Denn M.I.A. hebt nicht vorsichtig den moralischen Zeigefinger. Sie donnert uns die Faust rein. Und das allein mit Worten - und einem Blick, den unsere Eltern in der Pubertät als provozierend bezeichnet hätten. Musst du immer so gucken? Ja, muss sie. M.I.A., bürgerlich: Maya Arulpragasam, Tochter eines tamilischen Aktivisten, will unerträglich sein. Sie will eine Reaktion provozieren. Denn das wirft sie uns in "Borders" vor: dass wir das, was da gerade passiert in der Welt, einfach so hinnehmen. Wutlos. Mutlos.

Weiße Polizisten, die wehrlose Schwarze erschießen? Menschen, die in unserer westlichen Überflussgesellschaft in Armut leben? Boote voller Flüchtlinge, die untergehen? Wir gehen ein bisschen auf die Straße, halten ein selbstgemaltes Schild hoch, vielleicht schauen wir noch fix im nächsten Flüchtlingsheim vorbei, ein paar ausrangierte Klamotten abgeben, und dann schnell zurück in unsere heimelige Bequemlichkeit. "Your privilege, what's up with that?", fragt M.I.A. in Richtung der gutbürgerlichen Gleichgültigkeit.

Die Flüchtlingskrise ist zu unsexy

Sie, die immer schon Einflüsse unterschiedlicher Kulturen in ihrer Musik vereinte, die vielleicht die Vetreterin eines nicht nur im kommerziellen Sinne globalisierten Pop ist, macht die Flüchtlingskrise zu ihrem Thema. Überraschen sollte das nicht - tut es aber doch. Weil sich bisher niemand so richtig an das Thema rantraute. Nicht Kanye West, der Amerika in "New Slaves" vor rappt, wie rassistisch es immer noch ist. Nicht Rihanna, die in "American Oxygen" die perverse Seite des amerikanischen Traums beschreibt. Das mag auch daran liegen, dass US-Künstlern traditionell das eigene Land mit seinen Problemen näher ist. Aber auch der europäische Polit-Pop schweigt.

Bono? Tritt lieber dann in Erscheinung, wenn der Schrecken überschaubar ist und die Emotionen ohnehin da sind, wie nach den jüngsten Terroranschlägen von Paris. Die Flüchtlingskrise, so scheint es, ist zu groß, zu unfassbar, und ja, auch zu unsexy.

M.I.A. führt uns Bilder der Flüchtlingskrise vor Augen, die wir schon nicht mehr wahrnehmen.

(Foto: M.I.A.)

M.I.A., der die New York Times einst ein eigenes Genre auf den Leib schrieb ("Agitprop Pop"), kümmert das nicht. Im Video zu "Borders" steht die 40-Jährige in orangefarbener Latzhose mit verspiegelter Sonnenbrille vor einem mehrstöckigen Grenzzaun, in dem wie an einer Schnur aufgezogen Flüchtlinge laufen. Und wie viel besser passt schon dieses eine Bild als alle Metaphern, derer sich die Medien gerne bedienen? Flüchtlingsstrom. Flüchtlingswelle. Als drohten wir, davon überrollt zu werden. Dabei zeigt doch die Realität: Viel wahrscheinlicher ist, dass die Kette reißt und die Menschen ins Nichts fallen.

"Your power - what's up with that?"

M.I.A. singt zu trillerndem Beat:

Freedom - what's up with that? Your values - what's up with that? Your beliefs - what's up with that? Your families - what's up with that? History - what's up with that? My boys - what's up with that? My girls - what's up with that? Freedom - what's up with that? Your power - what's up with that?

Ja, was ist eigentlich damit?