Neues aus dem Nachlass des Jazz-Trios "E. S. T." Sound des Eisbergs

Das Esbjörn Svensson Trio gilt als eines der größten Jazz-Piano-Trios der Nullerjahre. Knapp vier Jahre nach dem tragischen Tod des Pianisten Svensson bei einem Tauchunfall erscheint nun das neue Album "301" aus dessen Nachlass. Die Energie, die die Formation stets ausgezeichnet hat, sucht man in den Aufnahmen leider vergebens.

Von Karl Lippegaus

Erst mal ertönt ein E wie in E-Mail, E-Book, Endzeit, Ewigkeit. Oder eben wie in Esbjörn. Der Pianist Esbjörn Svensson mag an den Meister von Eisenach gedacht haben, der in eine Motette ("Der Gerechte kommt um, und niemand achtet drauf") seine Initialen B-A-C-H eingeschrieben hatte. Wie ein Nachtwandler in einem Zen-Garten tastet Esbjörn sich vor, man hört ihn leise singen. Das knapp vierminütige Vorspiel zum nun erscheinenden Album "301" (ACT) aus dem Nachlass von E. S. T. ist ein bewegender Moment.

Svensson auf dem Vitoria Jazz Festival 2003: Womöglich muss man zu dem Schluss kommen, dass aus den Archiven von "E. S. T." keine Wunderwerke mehr zu erwarten sind.

(Foto: AFP)

Hinter E. S. T. steckt das Esbjörn Svensson Trio aus Schweden, das seine Fans für das größte Jazz-Piano-Trio der Nullerjahre halten. Auf jeden Fall war es in Europa eines der erfolgreichsten, weshalb es Svensson und Co. im Mai 2006 sogar bis aufs Cover von Downbeat schafften, der berühmtesten Jazzzeitschrift der Welt. Das Material stammt aus dem Mai 2008, vom Studio 301 im Zentrum von Sydney. Während einer Tournee hatten Svensson, Dan Berglund und Magnus Öström dort zwei Tage lang gejammt. Vier Wochen später starb der Pianist mit 44 Jahren bei einem Tauchunfall.

Noch im selben Jahr erschien aus den Sessions die CD "Leucocyte". Ein 23-minütiges Stück mit brachialem Trommelfeuer, "Premonition" (Vorahnung) sowie das Titelstück, eine epische Suite "Leucocyte" mit den Sätzen "Ab Initio", "Ad Interim", "Ad Mortem", "Ad Infinitum" bildeten das düstere Vermächtnis des Trios. Mit "301" geht jetzt das Gruseln weiter. Die CD ist knallrot und steckt in einer blauen Hülle. Es gibt keine Fotos der Musiker, keinen Text, dafür Bilder wie die Wände eines im Eismeer versunkenen Schiffes.

Zehn Jahre lang hatte das Trio Triumphe gefeiert. Und selbst wenn man der Musik eher kritisch gegenüberstand, musste man doch anerkennen, dass es ein äußerst clever operierendes Jazz-Projekt war, dessen Manager, Toningenieure und Beleuchter wenig dem Zufall überließen. Nach schlechten Erfahrungen mit großen Labels produzierten sie auch ihre Musik lieber selbst. Die Alben ließen sie vom Münchner Label ACT vermarkten, das mit Siggi Loch einen Musikmanager hatte, der einmal Europa-Chef des Major-Labels Warner Music war.

Am Ende waren sie eher eine Rockband, die auf einem Ton herumhackt

In Interviews gab sich Svensson wortkarg und zeigte keine Scheu vor hohlen Phrasen: "Wenn Sie Ihrem Herzen folgen, führen Sie andere Dinge als der Intellekt, und das ist besser." Und über das E. S. T.-Album "Viaticum" meinte er: "Viaticum ist ein alter Ausdruck für Reiseproviant. Es hat auch eine religiöse Bedeutung und meint das Letzte Abendmahl. Diese Bedeutung ist aber nicht so wichtig, denn alle Menschen sind immer auf der Reise. Dieses Album ist unser Viaticum für jeden, der eines braucht. Vielleicht kann es helfen auf der Reise durchs Leben." Seine Lieblingsvokabel war "Energie": "Die Energie ist wohl das Wichtigste in der Musik. Ohne Energie ist alles nichts." - "Wir wollten schon immer während einer Tour aufnehmen. Um die Energie mitzunehmen."

Wenn man nun das auf Tour aufgenommene "301" hört, sucht man diese Energie leider bald vergeblich. Wie ein Eisberg gleitet im zweiten Track der nervige Dauerton A ins Meer der Klänge. Öström begleitet mit zwei Stahlbesen zum Ticken einer ablaufenden Uhr. Svensson soll einmal im Scherz gesagt haben: "Wir sind eine Popgruppe, die Jazz spielt." Am Ende waren sie eher eine Rockband, die auf einem Ton herumhackt. Anfangs hatte er sich in eine kurze Phase des Keith-Jarrett-Trios der Siebziger verliebt, in der Songs von Joni Mitchell oder Bob Dylan zum Repertoire zählten. Wer ihn live erlebte, bekam den Eindruck, er wolle nicht nur spielen, sondern auch fühlen wie Jarrett. Als er dessen Standard-Trio jedoch nicht viel entgegenzusetzen hatte, verfremdete Svensson seinen Klaviersound. Jarrett hasst Elektronik.

Im überlangen "The Left Lane" auf "301" - alles geriet den dreien in Sydney zu lang - knüpft E. S. T. an jene elektronische Phase an, verliert aber nach fünf Minuten an Fahrt. Im Maschinenpark entstanden knarzende Sci-Fi-Phantasien mit raschem Verfallsdatum. Auf "301" gibt es außerdem das abstruse "Houston, The 5th", ein Outtake par excellence, reine Ausschussware. Die Ballade "Three Falling Free" wirkt genauso ratlos wie das Finale "The Childhood Dream".

Mag auch ein fertig geschriebenes sinfonisches Werk Svenssons für Klavier und Orchester noch der Veröffentlichung harren - wer derzeit das polnische Marcin Wasilewski Trio auf "Faithful" oder das Masabumi Kikuchi Trio auf "Sunrise" erlebt, kommt womöglich ebenfalls zu dem Schluss, dass aus den Archiven von E. S. T. keine wirklich konkurrenzfähigen Wunderwerke mehr zu erwarten sind.