Album "You Want It Darker" Leonard Cohen singt sein letztes Liebeslied

Im Angesicht des Endes ganz bei sich: Leonard Cohen, 82.

(Foto: Sony)

Der große Dichter der Vergänglichkeit hat ein Album voller Abschiede aufgenommen. Es zählt zum Besten, was er je veröffentlicht hat.

Albumkritik von Wolfgang Luef

Leonard Cohen war seinem Lebensthema noch nie so nah wie jetzt. Als Künstler genau wie als Mensch. Es ist fast 50 Jahre her, da trat er, damals Mitte dreißig, zum ersten Mal als Sänger in Erscheinung. Und seit damals handeln seine Texte von Vergänglichkeit, Trauer und Tod. Wenn er Liebeslieder singt, beschwört er stets das Verflossene. Wenn er Sehnsüchte beschreibt, dann unerfüllte. Und wenn er vom Leben erzählt, dann immer auch von dessen Endlichkeit.

Jetzt ist Cohen 82. Und das gerade erschienene Album "You Want It Darker" könnte sein Letztes sein. Es ist eine Platte voller Abschiede, und zählt genau deshalb zum Besten, was Cohen je veröffentlicht hat. Im Angesicht des Endes scheint er ganz bei sich zu sein: "I am leaving the table / I am out of the game." Er verlässt den Tisch, ist raus aus dem Spiel. Dies ist das 36-minütige Testament eines Künstlers, den viele für den besten Songschreiber unserer Zeit halten. Bob Dylan sagte kürzlich, er sehe niemanden, der auch nur in Cohens Nähe komme. Bono meinte einmal, er würde alles dafür geben, nur jene Texte zu bekommen, die Cohen verwirft.

Cohen besingt Fehlentscheidungen, bedauert seine eigene Naivität

Auf aktuellen Fotos wirkt Leonard Cohen abgemagert, sein Kopf erscheint riesengroß auf dem zerbrechlich gewordenen Körper. Doch sein Blick unter dem Fedora-Hut ist klar und unbeugsam wie immer. Er habe erst im Alter die Freiheit gefunden, sich voll auf seine Poesie zu konzentrieren, hat er gerade dem New Yorker in einem seiner seltenen Interviews erzählt. Es gebe keine Verpflichtungen mehr, die ihn ablenken könnten. Doch er hat Schmerzen, ist müde, muss sich oft zwingen, überhaupt etwas zu essen, um nicht allzu bereitwillig zu kooperieren mit dem Tod, der nach ihm greife. Er arbeitet weiter an neuen Liedern, erzählt er, doch glaubt selbst nicht mehr daran, sie noch fertig zu bekommen. "Ich bin bereit, zu sterben. Ich hoffe, es wird nicht zu unangenehm."

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Cohen hat die Aussage mittlerweile ein wenig relativiert ("Ich möchte 120 werden"). Auf "You Want It Darker" kann man dennoch beides hören: das Einverständnis mit dem eigenen Tod wie auch das Unbehagen gegenüber dem Sterben. Schon im Eröffnungsstück deklariert er auf hebräisch: "Hineni, Hineni", hier stehe ich, und dann auf Englisch: "I am ready, my lord", vor einer schlichten, aber theatralischen Begleitung: kaum hörbares Schlagzeug, eine eingängige Bassfigur, Kirchenorgeln und ein Männerchor, der nach gregorianischen Mönchen klingt. Später beschwört er einen Schmerz, der so stark sei, dass er blind macht und realer wird als alles andere. Der Sänger: "Please don't make me go there / Though there be a god or not." Bitte nicht diese Schmerzen, selbst wenn dahinter ein Gott warten sollte.

Auf den ersten Blick hängen die acht neuen Songs nicht unmittelbar zusammen, doch es gibt Motive, die sich durch das Album ziehen. In mehreren Liedern besingt Cohen Fehlentscheidungen, bedauert seine eigene Naivität, Momente der Vergangenheit. Oder ist es gar nicht er selbst, sondern irgendein Erzähler? Cohen kam einst von der Lyrik zur Musik. Wer in seinen verschlüsselten Texten spricht, war stets offen für Interpretation. Ebenso unklar ist, ob er sich an einen Freund, sein Publikum oder ein höheres Wesen wendet, wenn er bedauert, dass er einen Geist aus seinem Gegenüber gemacht habe: "I am so sorry for the ghost I made you be. Only one of us was real and that was me."