Neues Album von Gwen Stefani Gwen Stefani, die Rosenkriegerin

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(Foto: Universal Music)

Wut tut gut: Auf "This Is What The Truth Feels Like" rechnet Gwen Stefani mit ihrem Ex-Mann ab. Eine Trennung, an der man sich ein Beispiel nehmen kann.

Off the Record: die Pop-Kolumne von Julian Dörr

"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984. Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer neuen wöchentlichen Musik-Kolumne.

"This is your punishment", singt die betrogene Ehefrau. Das hast du jetzt davon. Ich lass' alles raus, ich halt' nichts mehr zurück. Du hast es verbockt. Das ist deine Strafe. Und der wissende Zuhörer ergänzt, wer gemeint ist: Gavin Rossdale.

Die schmutzige Wäsche, die hier in die Öffentlichkeit gezerrt wird, gehört Gwen Stefani und ihrem Ex-Mann. 13 Jahre waren der Bush-Frontmann und die ehemalige No-Doubt-Sängerin verheiratet, drei Kinder, glückliche Familie. Dann betrog er sie den Gossip-Seiten zufolge mit - das Leben ist voller wunderbarer Klischees - dem Kindermädchen. Die Ehe zerbrach.

Und weil aus großem Schmerz (einer Binse zufolge) große Kunst entsteht, verarbeitet Stefani die Trennung nun zu einem Comeback-Album. Davon gibt es viele im Pop, in Weltuntergangsschwarz, wie Nick Caves misanthropisch-verlorenes "The Boatman's Call", oder in höllenfeuerrot wie Bob Dylans bitterböser Ehefrust "Blood On The Tracks". In letztere Kategorie fällt Gwen Stefanis neue Platte "This Is What The Truth Feels Like" (Interscope/Universal). Ihr erstes Solo-Album seit zehn Jahren - und voller böser Spitzen.

Eine prächtige Hass-Predigt - mehr gespuckt als gesungen

Zehn Jahre sind eine verdammt lange Zeit im Pop. Besonders und ungerechterweise für eine Frau. Gwen Stefani war 36, als der Vorgänger "The Sweet Escape" erschien. Heute ist sie 46 - und mehrfache Mutter. Die große Aufgabe: Das zerschossene Privatleben wieder auf die Reihe kriegen und sich nach einem Jahrzehnt Abwesenheit neben all den Rihannas, Taylor Swifts, Lady Gagas und Adeles als Frau im Pop positionieren. Mit "This Is What The Truth Feels Like" meistert Gwen Stefani beides.

Damals, in den Neunzigern, verhalf Herzschmerz einer merkwürdigen Ska-Band zum Durchbruch. "Don't Speak" war ein Hit und No Doubt mit ihrem dritten Album plötzlich Stars. Heute ist es wieder Herzschmerz, der Gwen Stefani zurück ins Popgeschäft holt. "Red Flag", der eingangs zitierte Song, ist eine prächtige Hass-Predigt - mehr gespuckt als gesungen. Ein kompromissloser Song auf einer für grellbunten Bubblegum-Pop kompromisslosen Platte. Ein enger Kreis von Songwritern steht hinter "This Is What The Truth Feels Like", Rapper Fetty Wap darf einziger Gaststar sein, die Texte kommen von Gwen Stefani. Alles extrem persönlich, alles extrem echt. So fühlt sich die Wahrheit an, Gavin Rossdale. Und damit es auch wirklich jeder versteht, ist die Wahrheit auf dem Cover auch noch unterstrichen, eingekringelt und gemarkert.

Die Wahrheit: unterstrichen, eingekringelt und angemarkert.

(Foto: AP)

"Misery", "Used To Love You", "Me Without You" - Authentizitätsfetischisten bekommen bei diesen Songtiteln feuchte Hände. Und ja, "This Is What The Truth Feels Like" ist natürlich sehr intim geraten. Wie ein privates Gespräch, bei dem man lieber nicht gelauscht hätte. Doch warum ist dieser Rosenkrieg zu keinem Zeitpunkt peinlich? Weil Gwen Stefani ihn mit der Haltung einer unbeugsamen und starken Frau führt.

Welche ihrer Altersgenossinnen ist denn noch dabei? Kylie Minogue macht Weihnachtsalben. Janet Jackson war nach Nipplegate nie wieder relevant. Es bleibt die Queen of Pop höchstselbst, Madonna. Doch während die ihren Zuschauern und sich selbst immerfort ihrer aktiven Libido versichern muss, hat Gwen Stefani diese grenzpeinliche Übersexualisierung nicht nötig. "Naughty" ist bei ihr keine lüsterne Hymne, sondern eine von vielen gepfefferten Ohrfeigen für den untreuen Mann. So wie eben "Red Flag". Der beginnt mit den Worten: "Woah. Check it out. Look at you, big boy!" Und wie Gwen Stefani dieses "boooooooy" bis zur Karikatur dehnt, schrumpft jeder Macker kleinlaut in sich zusammen.

Auch wenn wir nicht alle unser Ego nach einer Trennung so öffentlichkeitswirksam und prominent wiederaufbauen können wie Gwen Stefani: Das Comeback der 46-Jährigen zeugt von Selbstbewusstsein und verweigert dabei auch noch devote weibliche Rollenklischees. Wut ist gut. Und nach der Trennung, ob weltuntergangsschwarz oder höllenfeuerrot, kommt das Leben. Oder wie es in "Me Without You" heißt: "Things are about to get real good." Vielleicht mit Stefanis The-Voice-Co-Juror Blake Shelton.

Gavin Rossdale merke: Die beste Rache ist ein gutes Leben.

Gwen Stefani: "This Is What The Truth Feels Like" (Interscope/Universal)