Trotz aller Eskapaden hat Michael Jackson in den letzten Jahren um die 100 Songs aufgenommen. Der "geheime Katalog" soll bald erscheinen. Will man diese Lieder wirklich hören?
Dafür, dass Michael Jackson schon vor seinem Tode am vergangenen Donnerstag in einem Atemzug mit Frank Sinatra, Elvis und den Beatles genannt wurde, ist sein musikalisches Vermächtnis recht überschaubar.
Bild vergrößern
Die Welt ist in Schockstarre über den Tod des Künstlers Michael Jackson verfallen. Die Bilder. (© Foto: ap)
Anzeige
Rechnet man die vier Soloplatten nicht mit, die er für Motown eingespielt hat, als er noch gemeinsam mit seinen Brüdern als Jackson 5 firmierte, sind es lediglich fünf Alben, die er unter eigenem Namen aufnahm. Das wird sich bald ändern, denn der Perfektionist hatte, seit vor acht Jahren sein letztes Album "Invincible" erschien, trotz seiner Eskapaden, seines Sensationsprozesses und seiner Versteckspiele in Las Vegas, Dubai und Europa unermüdlich an neuen Songs gearbeitet.
Rund einhundert dieser Aufnahmen soll es geben. Glaubt man seiner Biographin Ian Halperin, dann soll dieser "geheime Katalog" nun bald erscheinen. Er wolle sie seinen drei Kindern als Vermächtnis hinterlassen, sagte die Autorin noch kurz vor seinem Tod.
Ganz neu ist die Nachricht nicht. Immer wieder gab es Gerüchte und sogar offizielle Erscheinungstermine für ein neues Album von Michael Jackson. Einige der Songs tauchten immer wieder auf und warfen die Frage auf, ob ein Künstler nicht das Recht hat, selbst zu bestimmen, was von ihm erscheint und was nicht. Das aber wird nach dem Tode unmöglich. Und gerade im Pop gibt es kaum ein Geschäft, das so einträglich ist, wie das Geschäft mit den Toten.
Das Wirtschaftsmagazin Forbes veröffentlicht regelmäßig eine Liste mit den bestverdienenden Toten. Kurt Cobain findet sich da immer wieder, John Lennon und Bob Marley. Derzeit wird die Liste von Elvis Presley angeführt, der im Geschäftsjahr 2008 rund 52 Millionen Dollar Profit machte. Das ist mehr als so mancher lebende Popstar verdient, wie Justin Timberlake mit 44 Millionen oder Madonna mit 40 Millionen Dollar.
Manche toten Legenden finden sich jedes Jahr wieder in dieser Liste, so wie Peanuts"-Erfinder Charles M. Schulz (33 Millionen Dollar), Albert Einstein (18 Millionen Dollar) und Marilyn Monroe (6,5 Millionen Dollar). Sie sind Teil eines wichtigen amerikanischen Wirtschaftsfaktors - Urheberrechte machen in den USA elf Prozent des Bruttosozialproduktes aus.
Die posthume Karriere
Mit ziemlicher Sicherheit wird auch Michael Jackson nächstes Jahr in diese Liste aufgenommen werden. Nicht nur, weil seine Alben seit seinem Tod am vergangenen Donnerstag bei den Verkaufsportalen im Internet einen Großteil der ersten zehn Plätze eingenommen haben. Aus einhundert Songs kann man bis zu zehn Alben zusammenstellen.
Jackson ist nicht der erste Star mit einer posthumen Karriere. Vom Rapper Tupac Shakur erschienen nach seinem Tode 1996 noch sechs Alben mit neuem Studiomaterial. Livemusiker generieren oft noch mehr. Jimi Hendrix hat beispielsweise zu seinen Lebzeiten lediglich vier Alben veröffentlicht. Fünfzig weitere folgten, die unzähligen illegalen Bootlegs nicht eingerechnet.
Fast immer stellt sich bei diesen Geschäften die Frage, ob man dem Star damit nicht Unrecht tut. Michael Jackson könnte sein eigentliches Vermächtnis von vier monumentalen Alben überschatten. Denn Jackson erlebte nicht nur als Star einen fast zwanzig Jahre andauernden Absturz, sondern auch als Künstler. Nachdem er mit "Thriller" schon 1982 das neue Jahrzehnt auf den Punkt gebracht hatte, erreichte er weder mit "Bad" noch mit "Dangerous" diese Qualität. "Invincible" war sogar ein richtig mittelmäßiges Album.
Nun funktionieren Songs von Michael Jackson nach ihrem ganz eigenen Prinzip. Auf der einen Seite rühren sie einen an. Das ist gerade für Menschen, die mit einem gesteigerten bildungsbürgerlichen Anspruch oder mit dem Dünkel des Hip in Rock oder Jazz aufgewachsen sind, oft eine unangenehme Erfahrung, die man in Amerika ironisch als "guilty pleasure" bezeichnet.
Zwischen Mittelmaß und Hochform
"Butterflies" ist so ein Michael-Jackson-Song aus ebenjenem letzten Album "Invincible". Der enthält so ziemlich alles, was vielleicht einen guten Schlager ausmacht, aber einen Rock- oder Jazzfan zum Fremdschämen bringt. Da sind die Crescendi, die nicht nur von aufsteigenden Melodielinien und aufwallenden Streichern, sondern auch noch von jenen getupften Posaunen getragen werden, die man sonst mit Unterhaltungsorchestern verbindet. Auf der anderen Seite schafft Jackson es selbst in solchen seichten Momenten, eine Spannung in seine Stimme zu legen, die unerreicht ist.
Hört man hinein in die unveröffentlichten Songs, die in den letzten Jahren in Umlauf kamen, scheinen bei Jackson zwischen Mittelmaß und Hochform Welten liegen zu können. "Mamacita" ist beispielsweise eine spanisch angehauchte Midtemponummer mit dem Gitarristen Carlos Santana, die in ihrer Banalität eher an iberische Sommerhits als an großen Pop erinnert.
Auf "Gangsta (No Friend Of Mine)" versucht sich Michael Jackson gemeinsam mit dem Rapper Pras von den Fugees etwas unbeholfen am Hip-Hop. "What More Can I Give" ist ein pathetischer Hilfeschrei, bei dem ihm Celine Dion, Beyoncé und Justin Timberlake zur Seite standen. Auch "Let Me Let Go", "Someone Put Your Hand Out" und "Xcape" sind viel zu dicht an den tragischen Jahren seiner Autobiographie, um noch als großer Pop zu gelten. Will man diese Songs nun wirklich hören?
Es ist schwer festzustellen, ob Musikdateien, die im Netz in Umlauf kommen, ernsthafte Produktionen oder nur gescheiterte Versuche sind. "Mamacita" klingt beispielsweise wie eine verworfene Skizze für eine der Duo-Singles von Santana. "Gangsta" war angeblich doch nur ein Gastbeitrag Jacksons für einen Song des Rappers, der dann nie erschien. Allen Songs ist jedoch gemeinsam, dass sich Michael Jacksons Verzweiflung auf seine Stimme geschlagen hat.
Die machtvolle Präsenz, die Spannung und die unterdrückte Erotik, die ihn so groß gemacht haben, blitzen immer seltener auf. Es ist keine Frage, dass die 100 unveröffentlichten Songs zu Alben zusammengestellt werden. Bleibt nur zu hoffen, dass sich Quincy Jones des Projektes annimmt, der Produzent, der Michael Jackson besser verstanden hat als jeder andere.
- Zum Tod von Michael Jackson Ein Junge, der 50 wurde 29.06.2009
- Zum Tod von Michael Jackson "Tot mehr wert als lebendig" 27.06.2009
- Zum Tod von Michael Jackson Eine Vision von Erotik 27.06.2009
- Nach dem Tod von Michael Jackson Die Geier kreisen schon 28.06.2009
- Zum Tod von Michael Jackson Die Nacht, in der der König starb 26.06.2009
(SZ vom 30.06.2009/rus)
Partyzone Flußufer
Was ist denn das für ein mies recherchierter Artikel?
Weder ist Ian Halperin Michael Jacksons Biograph(in) noch ist er eine Frau, sondern ein kanadischer Enthüllungsjournalist, der nichts anderes tut, als die dunklen Seiten von Promis aufdecken zu wollen.
Man kann daher wohl auch den Rest des Artikels nicht besonders ernst nehmen, denn hier ist wohl nicht viel Zeit darauf verwendet worden, den Dingen auf den Grund zu gehen bzw. den Künstler zu verstehen.
Wenn es um die beherrschten Instrumente von MJ geht, muß man erstmal sehen, daß er sich zu mindestens 50% als Tänzer verstand. Da kann er wohl auf der Bühne nicht auch noch Instrumente spielen. Was wird denn noch alles von ihm erwartet?
Außerdem geht es nicht nur darum, wie hochintellektuell oder kompliziert eine Musik ist, sondern auch was sie bei den Menschen bewirkt. Das ist wahres Können!
Ihr Artikel ist viel mehr Mittelmaß als MJs Musik. Kann sich die Süddeutsche das leisten?
Man kann Jackson mit den Beatles vergleichen, mit Mozart von mir aus auch mit Beethoven und ihn als musikalisches Genie bezeichnen.
Sicher, Michael Jackson ist auch ein Star, wie Marlene Dietrich, James Dean, Elvis Presley, Monroe, ... d.h. eine Image-Konstruktion.
Ja, Jackson ist auch ein "Director", wie Spielberg, Ray, Wilde ....
Die Frage ob Jackson ein Künstler ist erübrigt sich sowieso.
Ohne die letzten 100 Songs gehört zu haben, erlaubt mir eine kleine Retro auf Viva gesehen und gehört, die Feststellung, dass Jackson ein "Autor" ist. Sein Werk zeichnet sich durch eine eigene Handschrift aus, so unterschiedlich wie die einzelnen Alben und Clips auch sind.
Ich kann, soviel ich auch hin und her überlege, Michael Jackson nur mit einen vergleichen: Alfred Hitchcock. Beide zeichnen sich aus durch extreme Disziplin im Handwerk der Künste, die sie in komplexen Gesamtkunstwerken zusammenfügen. Die Werke beider Künster lassen ein eigene "Handschrift" erkennen, wie gut oder wie mittelmäßig auch die einzelnen Produktionen sind. Und da die Werke beider Künstler den Intellekt übersteigen, treffen sie Menschen gegen jeglichen Widerstand direkt in der Mitte. Jackson & Hitchcock verbindet Pop / Populismus / populäre Kunst / Volkskunst auf eine Weise, wo Klassen und Kasten weltweit aufgehoben werden. Der Unterschied zwischen Schwarz, Weiß und Farbe verblasst zu einem irrelevanten, jedoch funktionalem Faktor in dem populärem Erlebnis des Werkes selbst.
Er hat die tragik nicht "vorgegaukelt", aber zumindest anfangs bewusst inszeniert. Ich habe gelesen, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass er bestimmte (kleinere) Gerüchte in den 80ern sogar selbst den Medien zum Frass vorgeworfen hat. Vermutlich wurde diese Leidenschaft zum Verhängnis.
Aber das scheint heute auch normal geworden zu sein, wenn man sich den Boulevard anschaut.
... wenn man als "Musiker" zwar nur eine halbwegs gute Stimme, dafür aber eine Gitarre benötigt!
Diese Neid-Diskussion hier ist lächerlich.
Kann eine Opern-Sängerin keine wunderbare Musikerin sein, weil sie fremde Texte und keine Instrumente selbst spielt? Kann eine Kultur ohne Notensystem nicht musikalisch sein?
Ist ein Tänzer unkreativ, weil er "nur" zur Musik tanzt?
Ein Analphabet kann doch auch großartige Geschichten erzählen, indem er seine Texte diktieren lässt. Oder ist dann der Assistent der "wahre" Autor, weil er die Geschichte niedergeschrieben hat?
Hier gibt es zwei, drei hartnäckige Diskutanten, die zumindest in Bezug auf Michael Jackson große Wissenslücken aufweisen. Das wird in den Beiträgen mehr als deutlich!
Wenn es nach Quincy Jones gegangen wäre, dann wäre Billie Jean nicht auf das Thriller Album gekommen. Viele Kritiker nennen aber gerade diesen Song, den besten Pop-Song aller Zeiten. Das war Michaels Verdienst und nicht der von Jones! Und der Beat und der Rhythmus ist das, was das Lied so besonders macht. Den kann man aber als Sänger und Tänzer auch ohne Noten vorgeben. Michael Jackson konnte zum Beispiel auch Beatboxing, auch wenn er dies selten live oder vor Kameras präsentiert hat. Im legendären Oprah Interview hat er aber mal "Who Is It" a cappella und mit Beatboxing dargeboten. Dann gab es auch noch eine Billie Jean Demo Version auf einer Thriller Special Edition. Man hörte wie auf normalen Gegenständen und Dosen getrommelt wurde. So stelle ich mir das vor, wenn er im hauseigenen Studio seine Songs geschrieben und Melodien entwickelt hat. Das er am Ende noch weitere Musiker brauchte ist doch selbstverständlich. Eine Band besteht auch aus mehreren Personen. Und ein Orchester sowieso.
Zur perfekten Vermarktung: Sein Thriller Video hat er selbst bezahlt, weil seine Plattenfirma die Idee nicht unterstützen wollte. Soviel zum Thema, dass er nur perfekt vermarktet "wurde"!? Das war sehr viel Eigenregie!
Er hat sich sehr für Künstler aller Art interessiert. Andy Warhol hat ihn eindrucksvoll in seinen Tagebüchern erwähnt. Ich habe die Theorie, dass er sogar so genial war, dass er das tragische Leben zumindest anfangs auch bewusst vorgegaukelt hat. Van Gogh, der taube Beethoven, das Wunderkind Mozart, Elvis und all die anderen Legenden, wären vielleicht nur halb so legendär und interessant, wenn sie nicht auch tragisch und mysteriös gewesen wären.
habe eben noch mal in meine history-doppel-cd geblickt ... und dort steht, dass er klavier, keyboards, gitarre und schlagzeug zumindest teilweise eingespielt hat. einige gewisse chor- und orchesterpassagen hat er zudem arrangiert. das beantwortet dann wohl beide fragen!
Paging