Neu im Kino: "Anomalisa" Das Leben der Marionetten

Normalos aus dem 3-D-Drucker: Michael Stone und das Mädchen "Anomalisa", der einzige Mensch, den er in dieser Puppenwelt als Individuum wahrnimmt.

(Foto: AP)

Der melancholische Puppentrickfilm "Anomalisa" von Charlie Kaufman ist ein bezauberndes Kinokunststück über Einsamkeit und Entfremdung.

Von Susan Vahabzadeh

Als es das Kino ein paar Jahrzehnte gab, fingen die Filme oft an, ein wenig so zu sein wie irgendein Film, der vor ihnen war. Das ist nicht weiter schlimm, es ist aber dennoch schön, wenn das Kino gelegentlich noch einmal etwas wirklich Neues hervorbringt - und "Anomalisa", in diesem Jahr für den Oscar als bester Trickfilm nominiert, ist wie nichts, was es zuvor gab.

Eine Geschichte über einen Mann, der mit der Welt hadert, dem die Konformität und Effizienz seiner Mitgeschöpfe den letzten Nerv raubt, der es nicht erträgt, wie fügsam die Post-9/11-Gesellschaft ist, der etwas anderes empfinden will als Einsamkeit und Wut, es aber nicht schafft - okay, so was gab es. Aber nicht mit Puppen. Und schon gar nicht mit solchen. Anderswo werden die Leinwände mit fleischgewordenen Comichelden geflutet, Regisseur Charlie Kaufman greift in die Trickkiste, um Menschen nachzuahmen, und er hat erstaunlich gut hingeschaut.

Die Puppen, die Kaufman und sein Ko-Regisseur Duke Johnson sich ausgedacht haben, sind im Stop-Motion-Verfahren gefilmt, Teile stammen aus dem 3-D-Drucker, aber vielem sieht man die detailbesessene Handarbeit an. Es gibt eine Liebesszene, deren Dreh allein ein halbes Jahr gedauert haben soll. Zehn Jahre, sagen Kaufman und Johnson, hätten sie an dem Film insgesamt gearbeitet. Aber bei Kaufman, der 1999 mit "Being John Malkovich" neue Maßstäbe des verfilmbaren Irrsinns setzte, danach die Drehbücher schrieb zu "Adaptation" (2002) und "Eternal Sunshine of the Spotless Mind" (2004), weiß man nie so genau, wo die Fiktion einsetzt.

Nur Kunstfiguren verhalten sich immer filmreif - diese Puppen sind richtig schön unbeholfen

Das Stück, auf dem "Anomalisa" basiert, hat er beispielsweise selbst geschrieben, heimlich, unter dem Pseudonym Frances Fregoli. Das sogenannte Fregoli-Syndrom ist eine seltene Wahrnehmungsstörung. Das passt dann auch ganz gut zu "Anomalisa", dieser Mischung aus präziser Beobachtung und überdeutlicher Künstlichkeit. Was dabei herausgekommen ist, sind Puppen, die einerseits ungeheuer menschenähnlich wirken. An denen dann aber doch all die Brüche und Nahtstellen sichtbar bleiben, die Stop-Motion-Puppen heutzutage normalerweise nachträglich am Computer ausgetrieben werden. Sie benehmen sich wie wir, sie sehen so ähnlich aus, aber diese Merkwürdigkeiten in den Bewegungsabläufen, die Linie zwischen den zusammengesetzten Gesichtshälften - das alles erinnert einen permanent daran, dass man Puppen sieht.

Sie tun nur Dinge, die für den Aufwand, den Stop-Motion erfordert, wo die Puppen für jedes Bild immer wieder bewegt werden müssen, sonst viel zu normal sind: Zur Toilette gehen, duschen oder sich Kopfhörer aufsetzen, um die störende Welt mit der Musik aus der Oper "Lakmé" auszublenden. Manche dieser Momente, sagt Kaufman, waren so schwierig zu drehen, dass das Team dafür die Puppen richtig zerstören musste. Daraus ergibt sich ein ganz wunderbarer Effekt: Man nimmt das, was Menschen ausmacht, umso deutlicher wahr. Nur Kunstfiguren verhalten sich immer filmreif - wenn die Hauptfigur, der Motivationslehrer Michael Stone, und sein Mädchen Lisa im Bett landen, dann sind sie richtig schön unbeholfen.