Netzfeministin Anne Wizorek Männer, ihr habt doch ein Gehirn!

Von wegen hysterisch: Anne Wizorek alias @marthadear wurde über Nacht zum Gesicht eines neuen, jungen Feminismus.

(Foto: dpa)

Anne Wizorek alias @marthadear hat dem Netzfeminismus ein Gesicht gegeben. Ihre Kritiker finden sie und ihre Twitter-Kampagne #Aufschrei humorlos und hysterisch. Dabei hat sie eine längst fällige Debatte angestoßen - und vor allem dem Feminismus in Deutschland einen entscheidenden Schubs verpasst.

Von Hannah Beitzer, Berlin

Da sind diese Männer, die Anne Wizorek jetzt schreiben: Danke, endlich habe ich verstanden, was das soll, mit diesem Feminismus. Außerdem sind da Frauen, die erzählen, dass sie jetzt über Dinge sprächen, die sie sich zuvor nicht getraut hätten zu erzählen. Anne Wizorek, auf dem Kurznachrichtendienst Twitter bekannt als @marthadear, lächelt ihr zurückgenommenes Lächeln, wenn sie von den Reaktionen auf die Aktion erzählt, die sie zum Gesicht eines neuen, jungen Feminismus gemacht hat: Unter dem Kennwort #Aufschrei sammelte sie mit einigen Freundinnen Berichte von Frauen über den alltäglichen Sexismus in Deutschland.

Auslöser war ein Artikel einer Stern-Journalistin, in dem diese über eine Begegnung mit dem FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle, 67, schrieb, bei der sich der Politiker der 29 Jahre alten Reporterin mit zweideutigen Anspielungen und Berührungen näherte. Wizorek erkannte, dass in dem Artikel mehr steckt als nur ein politisches Skandälchen. Dass er Anstoß sein könnte für eine Debatte über die Frage, die in Deutschland im Jahr 2013 immer noch nicht gelöst ist: Wie sollen und wollen Frauen und Männer miteinander umgehen?

Der Feminismus regt sich schon seit einigen Monaten wieder ganz gewaltig. Quotendebatten, der Streit ums Betreuungsgeld und jetzt eben #Aufschrei. Es sind viele alte Fragen, die auftauchten: Warum bleibt in so vielen Familien immer noch die Mama daheim und der Papa schuftet sich buckelig? Warum gibt es immer noch so viele Chefs und so wenige Chefinnen? Und warum, verdammt nochmal, müssen sich Frauen immer noch anhören, sie sollen halt keine kurzen Röcke anziehen, wenn sie nicht angegrabscht werden wollen?

Im Netz gibt es eine aktive feministische Szene

Und nun hat das Land jemanden gefunden, von dem es sich Antworten erhofft: Anne Wizorek, 31 Jahre, Kommunikationsberaterin aus Berlin. Sie meistert diese Rolle, als hätte sie nie etwas anderes gemacht, lässt sich nicht provozieren, nicht als Krawallfutter missbrauchen, sondern macht nüchtern ihren Standpunkt klar, wieder und immer wieder. Erklärt, warum es einen Unterschied zwischen Flirten und sexueller Belästigung gibt. Kritiker beschimpfen sie als humorlos, sie gehöre "mal wieder ordentlich durchgevögelt".

Einige Tage später sitzt sie in einem dieser typischen Berliner Kaffeeläden mit blasser Fotokunst an der Wand und macht eine kleine Handbewegung, als würde sie die Pöbler und ihre Anfeindungen vom Tisch wischen wollen: "Ach, da kommt es mir zugute, dass ich schon lange zum Feminismus blogge." Wizorek spricht in Sätzen, in denen kein Wort zu viel fällt. Ihre Argumente beherrscht sie mit Leichtigkeit - und fügt sich damit so gar nicht in das Bild einer überemotionalen, hysterischen Emanze, das Feminismuskritiker gerne zeichnen. Eine fiese Herabwürdigung, die Wizorek grundsätzlich nicht stehen lassen will - denn Frauen, so macht sie mit ernstem Gesicht klar, hätten das Recht dazu, auf sexuelle Belästigung wütend zu reagieren, sie nicht wegzulachen. Mit Hysterie habe das nichts zu tun.

Wizorek ist Teil einer jungen feministischen Szene, die auf Twitter Kontakt zueinander hält und die in Blogbeiträgen schon lange vor dem Stern-Artikel Geschlechterbilder in Frage stellte. Unternehmen, die für ihre Werbekampagnen Frauen mit Hilfe von Fotoshop auf Barbie-Maße verändern, schicken diese Netzfeministinnen zu Hunderten Twitter-Nachrichten, in denen sie "sexistische Kackscheiße" anprangern. Sie sprengen Termine von Familienministerin Kristina Schröder. Vor allem aber schreiben sie, analysieren Filme, Bücher und Fernsehserien mit coolen weiblichen Figuren und kämpfen für die Frauenquote. Auch Wizorek betreibt gemeinsam mit anderen ein Blog, es heißt Kleinerdrei.org.

Dort erschien einer der Texte, die den Anstoß zu #Aufschrei gaben. "Ich merke, wie unangenehm es ist, wenn mir ein Mann aus dem Bus auffordernd die wackelnde Zunge entgegenstreckt, als wolle er mich küssen. Ich merke, wie unangenehm es ist, beim Fahrradfahren mit anzüglichen Bemerkungen überholt zu werden", schreibt Autorin Maike Hank unter der Überschrift "Normal ist das nicht".