Netz-Autorin Sargnagel Stefanie Sargnagel: "Ich hab ein klassisches Rapper-Problem"

"Wenn mich jemand angreift, dann werde ich größenwahnsinnig", sagt die Autorin Stefanie Sargnagel.

(Foto: RDE)

Der Hype um die Wiener Netz-Autorin Stefanie Sargnagel hat einen Höhepunkt erreicht. Eine Begegnung in Hamburg.

Porträt von Jan Kedves

Stefanie Sargnagel ist ein Künstlername, bürgerlich heißt sie Stefanie Sprengnagel. Das stimmt wirklich, wird aber schon bald als Witz nicht mehr funktionieren, denn bald werden eh alle wissen, wer sie ist. Die Lektoren bei Suhrkamp und Rowohlt wissen es schon, sie wollen Sargnagel treffen und überreden, mehr Bücher bei ihnen zu schreiben.

Zuhause in Wien, wo die Autorin gerade bei der kleinen Redelsteiner Dahimène Edition ihr drittes Buch "Fitness" veröffentlicht hat, rollt man über solch einen Texteinstieg die Augen. Denn dort ist Sargnagel seit drei Jahren eine feste Größe, eine Heldin der linken Beislgänger und Rumhänger, der Künstler, Feministen und Feministinnen, der FPÖ-Gegner, ja, sie ist eine Kultfigur.

Eine Kultfigur

Sargnagel ist 29 oder 30 Jahre alt, je nachdem, welchem Netz-Eintrag man glaubt. Sie sieht auch aus wie eine Kultfigur: rote Baskenmütze, in der Hand eine Selbstgedrehte oder eine Bierflasche. Es ist immer derselbe Look, er macht sie unverwechselbar, und tatsächlich haben schon Leute im Netz Sargnagel-Look-Alike-Memes gepostet. Das passt, denn Sargnagel kommt genau da her: aus dem Internet. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass sie mit Ausnahme von Rainald Goetz und seinem Online-Tagebuch "Abfall für alle" die erste deutschsprachige Autorin ist, die im Netz die Form für sich gefunden hat, die passt, die nicht nervt, die als Literatur funktioniert.

Das letzte verzweifelte Schwanz-Rausholen

Band aus der Hölle: Viel wurde 2015 über Wanda geredet, die unfassbar erfolgreichen Musiker veröffentlichten ihr Album "Bussi". Unsere Autorin war angeekelt und fasziniert zugleich. Von Stefanie Sargnagel mehr ... Platz 12 - 15 aus 2015

Sargnagel ist kein epischer Tagebuch-Blogger, sie tippt keine "Twitteratur" im etwas zwangsneurotischen Stolz, alles in 140 Zeichen packen zu wollen. Ihr Primärmedium ist Facebook, wo sie jedoch nicht als Sargnagel zu finden ist, sondern als Sprengnagel: Ein FPÖ-ler wollte sich an ihr rächen und meldete sie, seitdem muss sie ihren Klarnamen benutzen.

"Kann ich die Nummer von Jugoslawien haben?"

Facebook also. Sargnagel schreibt dort mehrmals am Tag Status-Updates, mal einen Satz, mal länger. Trouvaillen aus dem Wiener Alltag, Aperçus, Anekdoten aus dem Callcenter, in welchem sie bis vor Kurzem gearbeitet hat: "Rufnummernauskunft, Stefanie Fröhlich, was kann ich für Sie tun?" - "Guten Tag, kann ich die Nummer von Jugoslawien haben?" - "Naja, Jugoslawien gibt's nicht mehr, das ist in den Neunzigern zerfallen ..." - "Aha, und wie heißt es jetzt?" Aus Einträgen wie diesen entstehen Sargnagel-Bücher wie "Binge Living" (2013) oder jetzt eben "Fitness", als Sammlungen aus diesem Update-Strom, der auch als stream of consciousness zu lesen ist, nur noch sprunghafter.

Die kurze Form liegt Sargnagel, sie nutzt sie so virtuos, dass sich der Rest dieses Artikels problemlos mit Beispielen füllen ließe, obwohl er doch eigentlich auch von einer Sargnagel-Lesung in der mit Fans überfüllten veganen Kantine der Roten Flora in Hamburg in dieser Woche handeln soll: "Ich musste im Zug durch die ganze erste Klasse hindurch in die zweite gehen. Man merkte sofort den Unterschied: Mehr Frauen, viel mehr Kinder, alle viel lauter, Chipsberge, Burgergeruch, Drogendealer, Nutten, Schießereien."

Oder: "Weil ich mit der Flüchtlingssache weniger zu tun habe, weil ich so mit meiner Karriere beschäftigt bin, war ich heute im Zug Frankfurt-Hamburg ur-schockiert von den erschöpften Kindern, die da vereinzelt im Zug waren, als würd ich's zum ersten Mal sehen. Man hat bei den Leuten sofort gecheckt, dass es Flüchtlinge waren, weil sie nicht so zugfahrmäßig geschlummert haben, sondern in einem erschöpften Tiefschlaf in alle Richtungen aus den Sitzen hingen. Fuck."