Mehr Rechte für Tiere Die neuen Mitbürger

Archivbild einer Demonstration gegen Tierversuche.

Die angelsächsische Debatte über "animal rights" erreicht Deutschland - aus der Kritik an Tierversuchen und Massentierhaltung wird die Forderung nach positiven Rechten für Tiere. Was fehlt, ist der Sinn für moralische Dilemmata.

Von Jens Bisky

Wer von dem Umgang mit Tieren nicht schweigen will, der muss über Gewalt reden, über Einsperren, Vernutzen, Quälen, Töten. Gewalt ist entweder erlaubt oder verboten oder geboten. Verboten ist es, dem Dackel des Nachbarn die Ohren abzuschneiden. Erlaubt ist es, jedes Jahr etwa fünfzig Millionen männliche Küken zu schreddern oder zu vergasen. Eier sind von ihnen nicht zu erwarten, für die Mast taugen sie nicht. Geboten ist vielerorts die Rattenbekämpfung, wer eine abwassertechnische Anlage betreibt, ist dazu verpflichtet.

Die Grenzen zwischen dem Erlaubten und Verbotenen stehen nicht ein für allemal fest. Gewalt muss legitimiert werden. Es bedarf der Gründe und der Regeln zu ihrer Anwendung. Moderne Gesellschaften verstehen sich selbst als Gesellschaften auf dem Weg in eine Zukunft mit immer weniger, möglichst wenig Gewalt. Wie sie dieses Selbstbild trotz tatsächlicher Gewalttätigkeiten aufrecht erhalten, hat Jan Philipp Reemtsma in seiner klassischen Studie "Vertrauen und Gewalt" (2008) gezeigt. Er spricht ausschließlich von der Gewalt gegen Menschen, aber alle Versuche, Gewalt gegen Tiere einzudämmen oder ganz zu verbieten, stehen in der kulturellen Tradition der Moderne, die Reemtsma rekonstruiert. Auch deswegen wirken sie in vielem überzeugend.

Ein Schritt auf dem Weg in eine gewaltfreie Gesellschaft

Das Ohrfeigen von Dienstboten wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts untersagt, Vergewaltigung in der Ehe oder Züchtigung der eigenen Kinder stehen noch nicht so lange unter Strafe. Seit den Siebzigerjahren werden die Stimmen immer lauter, die ein Ende der Gewalt gegen Tiere fordern. Dies scheint ein weiterer Schritt auf dem modernen Sonderweg in eine weitgehend gewaltfreie Gesellschaft.

Drei neue Bücher zur Tierethik lassen den Leser dennoch in einem Zustand der Ratlosigkeit zurück. Wahrscheinlich spiegelt diese Ratlosigkeit die tatsächliche Lage: trotz vieler Tierschutz-Gesetze, trotz gewachsener moralischer Empfindlichkeit gegenüber den Routinen etwa der Massentierhaltung, bessert sich die Situation der Tiere kaum.

Moralphilosophische Argumente für ein politisches Ziel

Die Tierschutzbewegung stecke in einer Sackgasse, konstatieren die Schriftstellerin Sue Donaldson und der politische Philosoph Will Kymlicka in ihrem kecken Entwurf "Zoopolis". Unaufhörlich wächst die Weltbevölkerung, immer kleiner werden daher die Lebensräume für wild lebende Tiere. Die Fleischproduktion wächst, sie hat sich seit 1980 verdreifacht. In jedem Jahr töten wir etwa 56 Milliarden Tiere zu Zwecken der Ernährung (im Wasser lebende nicht eingerechnet), und es werden immer mehr. Ist das legitim? Ist das zu rechtfertigen? Nein! Darin sind sich die Autoren der drei Bücher einig. Sie nutzen, wenn auch auf verschiedene Weise, moralphilosophische Argumente, um für ihr politisches Ziel zu werben: Tiere sollen nicht länger für menschliche Zwecke genutzt werden. Es sind Bücher von Aktivisten einer Brüderlichkeitsethik, die auch Tiere einschließen soll.

Die Journalistin Hilal Sezgin betreut in der Lüneburger Heide einen Gnadenhof mit Hühnern und Schafen. In einer Mischung aus Geschichten, Beobachtungen und ethischen Überlegungen erklärt sie, warum Tiere, zumindest die Wirbeltiere mit zentralem Nervensystem, ein Recht darauf haben, "moralisch berücksichtigt zu werden". Es zählt das Schmerzempfinden, es zählt die Individualität des einzelnen Tiers.