Neuer Roman von Harper Lee Der Volksheld ist plötzlich Rassist

An diesem Dienstag erscheint Harper Lees neuer Roman "Go Set A Watchman" (deutsch: "Gehe hin, stelle einen Wächter") in den USA. Startauflage: zwei Millionen Exemplare.

(Foto: dpa)

Atticus Finch besucht ein Ku-Klux-Klan-Meeting und hetzt über "Neger": US-Schriftstellerin Harper Lee zeigt in ihrem neuen Roman schockierende Züge ihres einstigen Helden.

Von Fritz Göttler

Atticus wird arthritisch, das war schon mal eine traurige Aussicht, als es das erste Kapitel des neuen Buchs von Harper Lee zu lesen gab (in der SZ vom 11. Juli). "Gehe hin, stelle einen Wächter" wird diese Woche weltweit erscheinen, am Dienstag in den USA, Startauflage zwei Millionen, und Ende der Woche auch auf Deutsch. Atticus Finch, der edle Held aus Harper Lees Welterfolg "Wer die Nachtigall stört" von 1960, sollte, sehr alt geworden, auch im neuen Buch prominent figurieren.

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Der eigentliche Atticus-Schock kam jetzt mit den ersten Besprechungen in der New York Times und im Guardian. Atticus Finch, Vorbild für die amerikanische Nation, Kämpfer für Recht und Ordnung, stets auf der Seite der Unterdrückten, Machtlosen, Armen, Atticus Finch ist im neuen Buch ein Rassist - zumindest ein Segregationist, der Rassentrennung befürwortet.

Das Buch einer Rückkehr - aber die Welt, in die zurückgekehrt wird, gibt es nicht mehr. Jean Louise, 26 Jahre, Atticus' Tochter, kommt in ihre - fiktive - Heimatkleinstadt Maycomb, Alabama. Von ihrer Kindheit, zwanzig Jahre früher, wurde in "Wer die Nachtigall stört" erzählt, von Jean Louise selbst, die damals Scout gerufen wurde von Freund und Feind. Und die ihren Vater grenzenlos bewunderte, den aufrechten Anwalt Atticus, alleinerziehend, lebensklug, liberal, und allen Anfeindungen zum Trotz entschlossen, einen Afroamerikaner vor Gericht zu verteidigen gegen die Anklage der Vergewaltigung.

Es sind die Dreißiger, die Depressionszeit, aber es ist eine glückliche Jugend, ein aufregendes Coming-of-Age für Scout. Atticus wurde der Vater der Nation, in der Verfilmung verkörpert von Gregory Peck. Ein nationaler Mythos. Kinder wurden so getauft, Studenten wählten Jura wegen ihm.

Keiner hat die Leser auf diese radikale Entwicklung vorbereitet

Das neue Buch spielt etwa zwanzig Jahre später, in den Fünfzigern. Atticus Finch ist 72, hat Arthritis und: besucht ein Ku-Klux-Klan-Meeting, sagt: "Die Neger hier sind als Volk immer noch in ihrer Kindheit", fragt die Tochter: "Willst du eine Wagenladung Neger in unseren Schulen, Kirchen, Theatern? Willst du sie in unserer Welt?", macht den Supreme Court runter, verbittet sich jede Einmischung der N.A.A.C.P. - deren Anwälte, sagt er, "stünden da wie Bussarde".

Keiner hat die Leser, die in der "Nachtigall" ihr Leseglück gefunden hatten und auf eine Wiederholung im neuen Buch hoffen, auf diese radikale Entwicklung vorbereitet. Hat eine kühl kalkulierende PR, um jedes Moment möglicher Verstörung auszuschalten, ihr falsches Spiel mit einer heilen Welt getrieben? Der Schock trifft nun umso stärker in einem Amerika, das erneut durch eine Kette von Gewalttaten gegen Afroamerikaner sich mit brutalem Rassismus konfrontiert sieht.

Harper Lee hatte den "Wächter" in den Fünfzigern ihrem Verleger vorgelegt, aber der hatte ihn zurückgewiesen und sich ein anderes Buch von ihr gewünscht - die Kindheit der "Nachtigall". Dort war die Unschuld der Kindheit zusammengebracht mit der Unschuld der Südstaaten - die eine labile, trügerische Balance nicht nur rassistischer, sondern auch sozialer Spannungen war - die alle im Roman spürbar sind.

Die Tochter macht das Verhalten des Vaters krank

In den Fünfzigern, mit dem Erstarken der Bürgerrechtsbewegung und den Versuchen der Regierung, die Gleichberechtigung und -behandlung für die Afroamerikaner in den USA durchzusetzen, verstärkten sich paradoxerweise segregationistische Momente, der abstrakte Liberalismus musste sich pragmatisch bewähren - so wie der europäische heute durch die Asylunterkünfte auf die Probe gestellt wird.

Jean Louise, die nicht mehr Scout sein kann, macht das Verhalten des Vaters krank. Sie lebt in New York, wie Harper Lee es in den Sechzigern tat, als Freundin von Truman Capote. Auch Heilige haben das Recht, sich ins menschlich Negative zu entwickeln, und man wird Atticus Finch erst gerecht werden, wenn man den Roman lesen kann. Zum Teil sind die Heiligsprecher selber schuld an der drohenden Enttäuschung, schon die "Nachtigall" war durchaus differenziert in der Beschreibung gesellschaftlicher - gar nicht heiler - Wirklichkeit.

Ein Roman, das wusste auch Harper Lee, darf im Leben keine Moralpredigt sein.