Liedermacher Französisch für Fortgeschrittene

Der Komödiant und Sänger Willy Astor legt ein "halbernstes Chanson-Album" vor und leidet darunter, dass so mancher den Wortwitz seines Lieblingsliedes darauf nicht auf Anhieb versteht: "Chance Songs"

Von Michael Zirnstein

Ein Komiker, der seinen eigenen Witz erklärt, ist ein bisschen wie ein BMW-Mechaniker, der einen Wagen nur mit einem Ersatzteil von, sagen wir, Toyota zum Laufen bringt. In diesem Sinne springt die neue Platte von Willy Astor nicht richtig an: "Chance Songs" heißt die. Und, hat hier jemand gelacht? Ein Liederalbum der Möglichkeiten, oder? "Viele verstehen das Wortspiel erst beim zweiten Mal", sagt Willy Astor und grübelt ein wenig. "Man müsste fast dazuschreiben, dass man Chance französisch aussprechen muss." Oder man müsste gleich auf das Stück "Aber sowas von" hinweisen, das den Titel en detail erklärt: "Ich reimte diese Zeilen eines Morgens/auf ein großes Stück Karton/und nutz jetzt die Chance, den Song zu singen/dadurch isses ein Chance Song." Ein Kalauer mit dem Prädikat: so la la. Nun ist das bei diesem Projekt aber nebensächlich. "Ich habe mir halt gedacht: Irgendwo muss ein Astor auch im Titel erkennbar sein", sagt er, der vielleicht größte Schatzjäger im Silbensee und Tonjuwelier, Bayerns Witzableiter im deutschen Comedy-Gewitter. Diesmal ging es ihm aber um etwas ganz anderes, nämlich um ein "halbernstes Chanson-Album".

Dass der Humorist vom Hasenbergl auch anders kann, nämlich nachdenklich, hat er schon öfters gezeigt. Seit seinem Lied "Donnersberger Brück'n" von 1993, mit dem er früh schon seine Comedy-Programme erdete, und spätestens mit seinem ersten Liedermacher-Album "Leuchtende Tage" von 2003. Aber im Grunde fing die ganze Kunstlaufbahn des Wilhelm Gottfried Astor schon zu Beginn der Achtzigerjahre so an: mit Liedern, die er auf Kleinkunstbühnen wie dem Musikalischen Unterholz oder der Liederbühne Robinson zur Gitarre vortrug. "Ganz am Anfang habe ich eher Protestlieder geschrieben", erinnert er sich, oder wie ich es nannte: Podestlieder". Da war der Wortspiel-Geist also schon in ihn gefahren.

Im Rückblick auf die vergangenen 14 Jahre hat Willy Astor die Liedtexte für seine neue Platte geschrieben.

(Foto: Christian Frumolt)

"So eine Wut im Bauch gegen die Gesellschaft wie der Söllner oder der Ringsgwandl hatte ich ja eh nie", sagt Willy Astor. Seine Helden waren eher Schelme wie Reinhard Mey, der den schweren Dingen etwas Leichtes gab. Das sei für ihn "die hohe Messlatte", sagt Astor, Lieder wie die von Reinhard Mey oder später Jochen "Blumfeld" Distelmeyer zu schreiben, "ein feines Florett zu fechten, ohne dass es peinlich ist und zu nah am Schlager."

Wenn Astor nun auf "Chance Songs" seine "metaphorischen Niederlagen, Frauenthemen, Freude, Liebe, einfach alles aus den vergangenen 14 Jahren so ein bisserl verwurschtelt", hört man den Mey gleich im ersten Stück heraus: "Einfach sein" ist vielleicht das Downshifter-Gegenstück zu Konstantin Weckers Lebenshunger-Hymne "Genug ist nicht genug". Zur perlenden Gitarre hält Astor inne, wird still, atmet und argwöhnt: "Der Keller, die Wohnung - alles voll Zeugs/Ich steh davor . . . und beäug's/Ist das der Wohlstand, den ich unbedingt brauch/Fragst du dich sowas auch?"

Da bekommt das Leben auf dem "Hausboot" auf einmal seinen Reiz für Willy Astor, obwohl dieses Stück einer Neuseelandreise vor sechs Jahren entsprang, und nicht seinem gerade geleisteten Umzug. Der verfrachtete den Ur-Münchner ins Umland nach Schäftlarn, wegen der Frau und den Kindern und weil "man sich ja leider in München zu fairen Preisen keinen Garten mehr leisten kann."

Und auf einmal mischt er sich eben doch ein: "Man kann mit 55 und zwei kleinen Kindern nicht die Augen verschließen", sagt Astor, "ich will meinen Kindern schon zeigen, in welcher Welt sie leben." Dazu müsse man "nicht gleich nach Aleppo gehen". Sich in München umzuschauen reiche aus, um die "Kluft zwischen Arm und Reich zu erkennen. Oder wie er in "Insel der Glückseligen" singt: "Rundummiherum fliagt die Welt auseinander/und mir beschwern uns do im Schlaraffenland."

Nicht dass "Mitmenschlichkeit" nie ein Thema für Astor gewesen wäre, aber in den "Chance Songs" stellt er sie in die Mitte. Auch das Miteinander im Studio ist hier so wichtig wie sonst nur bei seinem Instrumental-Projekt "Sounds of Islands", für das er jüngst mit dem Münchner Rundfunkorchester aufgenommen hat. Der Arrangeur Christian Elsässer hat ihn auch bei den Chance-Songs wieder unterstützt. Astors Mannschaft ist ein Who ist Who der Studioszene, etwa Nick Flade an den Tasten und am Bass, Marcio Tubino am Saxofon, Titus Vollmer als zusätzlicher Gitarrist. Und Astor kann es sich sogar leisten, eine Maria Mohling von Ganes als Background-Sängerin und Percussionistin einzusetzen. Mit Claudia Koreck singt er das Duett "Warte niemals, bis Du Zeit hast" - eine Hommage an die Lebensweisheit der Oma. Und erstmals lässt er einen anderen eines seiner Stücke singen. "Da wo ich bin, scheint die Sonne" hat er der "Voice of Germany"-Wunderstimme von Andreas Kümmert überlassen, der den Soul in das ganze Wohlfühlgefüge aus Country, Folk, Gypsy-Pop und Marc-Knopfler-Blues und - "meine DNA" - Beatles-Melodien bringt.

Solche Lieder sind für ihn - als Comedian wird man ja gerne unterschätzt - auch eine Art Meisterprüfung. "Es sind alles kleine Werkstücke", sagt der gelernte Werkzeugmacher Astor, "ich feile und schleife daran, bis sie eine Funktion erfüllen. Das ist meine Vergangenheit, als alter BMW-ler wirst du das nicht los." Willy Astors Bedenken, so ein Abendstimmungsalbum bei einer Sonntagsmatinee zu präsentieren, entkräftet er gleich selbst: Man habe ihm versichert, es gäbe vor elf Uhr Alkohol. Er hat den Humor nicht verloren. "Auch wenn die Liederschreiberei eine Passion für mich ist - es ist nach wie vor die größte Befriedigung, Menschen zum Lachen zu bringen."

Willy Astor: Chance Songs; Sonntag, 5. Februar, 10.30 Uhr, Lustspielhaus, Occamstr. 8