Leipziger Buchmesse Belohnung für eine opulente Erkundung

Guntram Vesper bedankt sich für den Preis der Leipziger Buchmesse. Im prämierten Roman "Frohburg" erzählt er die Geschichte seines Geburtsortes in der Nähe von Leipzig.

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Altmeister Guntram Vesper erhält zu Recht den Preis der Leipziger Buchmesse für das gewaltige Prosa-Kompendium "Frohburg" über seine ostdeutsche Herkunft.

Von Christopher Schmidt

Es stand nicht zu erwarten, dass die Jury unter Vorsitz von Kristina Maidt-Zinke den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik in diesem Jahr der einzigen Lyrikerin zusprechen würde. Das wäre, bei aller Sympathie für Marion Poschmanns Gedichtband "Geliehene Landschaften", nicht nur eine etwas aparte Entscheidung, sondern auch eine Klatsche für die nominierten Erzähler und überdies ein schlechter Einstand für das auf vier Positionen erneuerte Preisgericht gewesen.

Im vergangenen Jahr hatte ja in Ermangelung satisfaktionsfähiger Prosaisten Jan Wagner den Preis erhalten. Der Giersch, eine Unkrautpflanze und Protagonistin in einem seiner Naturgedichte, hatte damit in Vertretung der blauen Blume die Leipziger Grasnarbe untergraben. Und auch die Gepflogenheiten beim Buchpreis, der in drei Kategorien vergeben wird, wobei jede Sparte mit 15 000 Euro dotiert ist.

Anstelle der Flora ging nun die Fauna in den literarischen Underground. "Der Fuchs" heißt der Debütroman von Nis-Momme Stockmann, der sich auf schier endlosen 700 Seiten von einer Kindheits- bis zur Schöpfungsgeschichte durchbuddelt.

Enttäuschend auch der Erstling von Stockmanns Dramatiker-Kollegen Roland Schimmelpfennig. "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen des 21. Jahrhunderts", so der Titel des schnulzig-sulzigen Wintermärchens aus Berlin, bei Schimmelpfennig Hauptstadt der sozialen Kälte.

Erkundung der ostdeutschen Herkunftswelt

Von Frostburg führt die Fährte weiter nach "Frohburg", wie Guntram Vesper sein Opus magnum, eine kurvenreiche epische Erkundung seiner ostdeutschen Herkunftswelt, genannt hat.

Der 1941 geborene Vesper war der älteste unter den Belletristik-Kandidaten, und bei einer solchen Nominierung wird natürlich immer auch die literarische Lebensleistung gewürdigt. In der Favoritenrolle wurde neben Vesper Heinz Strunk ("Fleisch ist mein Gemüse", 2004) gesehen. In seinem neuen Buch "Der goldene Handschuh" ist Menschenfleisch sein Gemüse.

Strunk folgt nach dokumentarischer Akten- und sozialer Schieflage den Spuren des Frauenmörders Fritz Honka auf dem harten, aber von Milieukitsch-Pfützen gesäumten Absturzpflaster im St. Pauli der Siebzigerjahre. Den goldenen Siegerhandschuh trug dann aber Vesper mit dem deutlich gewichtigeren Buch davon, auch wenn der regionale Bonus dabei eine Rolle gespielt haben mag.

In der Kategorie "Sachbuch" setzt sich Jürgen Goldstein durch

Mit einem Handicap war Ulrich Raulffs Studie "Das letzte Jahrhundert der Pferde. Eine Geschichte der Trennung" an den Start gegangen. Raulff hat den Preis in der Kategorie Sachbuch / Essayistik bereits 2010 für sein Stefan-George-Buch erhalten.

In den Boxen nebenan scharrten zwei Biografien mit den Hufen: Werner Buschs "Adolph Menzel. Auf der Suche nach der Wirklichkeit" und Jürgen Goldsteins "Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt".

Christoph Ribbats Kulturatlas der Kulinarik "Im Restaurant. Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne" schien auf dem Geläuf die Nase vorn zu haben, verglichen mit Hans Joachim Schellnhubers Streitschrift zum Klimawandel "Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff". Als Sieger ging jedoch Jürgen Goldsteins Buch über den Entdeckungsreisenden Forster ins Ziel.

Titanische Übersetzungs-Leistung

Brigitte Döberts Übertragung von Bora Ćosićs serbischer Familienchronik "Die Tutoren", die lange als unübersetzbar galt, ist eine titanische Leistung, für die sie nun zu Recht den Preis in der Kategorie Übersetzung eingeheimst hat. Damit wurde neben dem von Vesper ein zweites Buch aus dem Verlag Schöffling & Co.

prämiert. Sie setzte sich durch gegen Frank Heiberts deutsche Version des letzten Teils von Richard Fords amerikanischer Tetralogie, "Frank". Leer gingen Claudia Hamm und Ursula Keller aus. Jene hat "Das Reich Gottes" des Franzosen Emmanuel Carrère, diese den russischen Roman "Eine Straße in Moskau" von Michail Ossorgin ins Deutsche gebracht. Eine Pioniertat ist auch Kirsten Brandts Erstübersetzung aus dem Katalanischen von Joan Sales' Roman "Flüchtiger Glanz" über den Spanischen Bürgerkrieg.

In Sachen Buchpreis aber führen die Leipziger Entdeckungsreisen wieder fast schon traditionsgemäß in den Osten.