Kunstprojekt in Palästina Farbe ins Elend

"Nach dem Krieg waren die Leute so deprimiert", sagt Dalia Abdel Rahman, "die Farben geben ihnen Kraft."

(Foto: Peter Münch)

Die Künstlerin Dalia Abdel-Rahman verschönert Häuser in Gaza. Jeder Hausbesitzer hat seine Farbe auswählen dürfen: Der Hamas-Führer mag es lila, der Fatah-Mann gelb.

Von Peter Münch, Gaza-Stadt

Graubraun ist die Farbe des Gazastreifens. Wie die Wüste, wie das von Abwässern verseuchte Meer, wie die Trümmer des Krieges. Graubraun ist eine Elendsfarbe, und das Elend hat eine Heimat im Schati-Flüchtlingslager von Gaza-Stadt. Doch plötzlich strahlen die Bruchbuden hinter dem Strand in Rosa und Violett, Grün und Blau und Gelb. "Wir haben wieder Farbe ins Leben gebracht", sagt Dalia Abdel Rahman, "vor allem die Kinder lieben das."

"Gaza ahla", schöneres Gaza, heißt das Projekt, und Dalia Abdel Rahman hat es initiiert. "Mein Traum ist es, dass der ganze Gazastreifen bunt wird", sagt die palästinensische Künstlerin. Den ersten Teil des Traums hatte sie im Hafen verwirklicht. Die Fischer, die kaum noch etwas zu fischen haben in der ihnen von Israels Marine zugewiesenen Sechs-Meilen-Zone, blicken nun beim Flicken ihrer Netze auf die bunten Quader der Kaimauer. Vor einem Jahr hatte sie die Felsen verschönert, mittlerweile sind Graffiti hinzugekommen. Sie propagieren die Befreiung Palästinas oder die Liebe zu "Mawa" - "4ever".

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Vom hier aus sieht man das bunte Schati-Camp. 90 Häuser sind bemalt von 30 freiwilligen Helfern aus dem Lager. Die Farbe hat ein Sponsor aus Ramallah gezahlt. "Nach dem Krieg im Sommer 2014 waren die Leute so deprimiert", sagt Dalia Abdel Rahman, "die Farben geben ihnen Kraft.

Ein Haus verströmt grün-blau-ockerfarbene Zuversicht

" Jeder Hausbesitzer hat seine Farbe auswählen dürfen. Die Künstlerin zeigt auf ein gelbes Haus: "Hier wohnt ein Mann von der Fatah", der Partei Jassir Arafats. Im Hamas-grünen Haus nebenan wohnt ein Anhänger der Islamistenpartei. Die Villa von Hamas-Führer Ismail Hanija leuchtet allerdings lila. Dalia Abdel Rahman sagt, bei der Aktion gehe es "um pure Kunst, nicht um Politik". Zur Farbe gab es Ornamente nach Wahl. Mancher Fischer entschied sich für Meerestiere, ein anderer wünschte sich einen Elefanten.

Allerdings sind im Schati-Camp allein die zur Straße weisenden Fassaden hergerichtet. "Für mehr war leider kein Geld da", sagt die Künstlerin. Nicht jeder will sich mit dieser Antwort zufriedengeben. Warda Abed jedenfalls steht im schwarzen Tschador vor ihrem Haus, das grün-blau-ockerfarbene Zuversicht verströmen soll, und klagt: "Viel hat sich hier nicht verändert", sagt sie, "da müsste schon mehr passieren, als nur von außen anzumalen und sonst nichts zu verbessern." In ihrer einstöckigen Behausung unter einem löchrigen Wellblechdach leben 20 Menschen in drei kleinen Kammern.

Nur ein paar Häuser weiter aber findet sich ein glühender Verfechter der Verschönerung. Walid al-Nadschar ist Besitzer eines vierstöckigen Baus, der unverputzt in Violett erstrahlt. "Wir Araber lieben diese Farbe", sagt er froh, "und ich liebe dieses Haus." Vor 55 Jahren ist er darin zur Welt gekommen, nie hat er daran gedacht, hier wegzugehen. Doch nun, wo das Haus endlich einmal Farbe trägt, ziehen dunkle Wolken auf. Die holprige Küstenstraße soll verbreitert werden, der Emir von Katar hat dafür Geld gegeben, und auf 40 Meter Abstand vom Strand müssen alle Häuser weichen. Nördlich und südlich vom Schati-Lager wird schon gearbeitet. "Wenn wir Glück haben, kommen wir ganz am Ende dran", sagt Al-Nadschar. Irgendwann aber, das weiß er, wird sein Haus weichen müssen. Denn mit dieser neuen Straße soll Gaza schöner werden.