Kunstmarkt im Wandel Fangen wir mal unten an

Attraktive Qualität für überschaubares Geld: "Zwei Frauen im Park" von Else Lohmann, Öl, 1918, im November für 3500 Euro versteigert.

(Foto: Katalog Villa Grisebach)

Große Auktionshäuser wollen wieder mehr Kunst verkaufen, die sich auch Nicht-Millionäre leisten können. Denn der Markt wandelt sich.

Von Ulrich Clewing

Diskretion ist alles im Auktionsgeschäft. Falls die Beteiligten es wünschen, werden ihre Namen so hartnäckig verschwiegen, wie sonst nur bei geheimdienstlichen Ermittlungen. Doch manchmal lassen die großen Versteigerer auch jede Zurückhaltung fahren - dann, wenn sie die Ergebnisse vermelden.

Im Anschluss an die Abendauktionen im Mai und im November jagen Rekorde und Superlative über die Ticker. Das Jahr 2015 brachte Picasso, "Les Femmes d'Alger": 160 Millionen Dollar, höchster Zuschlag aller Zeiten für ein Kunstwerk bei einer Auktion; Modigliani, "Nu couché": 152 Millionen Dollar, zweitteuerstes Gemälde; "Abstraktes Bild" von 1986: 41 Millionen Euro, teuerster Gerhard Richter.

Von diesem Wettlauf haben alle etwas: Außer den phänomenalen Einnahmen profitieren die Auktionshäuser vom kostenlosen Marketing, das diese Preise generieren. Und das Publikum ist fasziniert und irritiert von den irrsinnigen Summen.

Doch dieses Bild vom Kunstmarkt hat mit der Realität wenig zu tun. Atemberaubende Preise sind keine Garantien für eine positive Bilanz. Dies hat gerade erst wieder Sotheby's leidvoll erfahren, als es im November die Sammlung seines ehemaligen Eigentümers Alfred Taubman für mehr als 460 Millionen Dollar versteigerte. Laut artnet news fiel dabei ein Minus von zwölf Millionen Dollar an, wegen der Garantiesummen, die Sotheby's den Erben Taubmans zugesagt hatte.

Nicht nur deshalb wollen sich die drei Großen - Sotheby's, Christie's und Phillips - wieder intensiver um den sogenannten middle market kümmern. Wie The Art Newspaper in seiner neuesten Ausgabe schreibt, beabsichtigen Sotheby's und Christie's, 2016 ihr "Kerngeschäft" zu stärken. Damit definiert Christie's den Handel mit Kunstwerken zwischen 100 000 und 2 Millionen Dollar, Sotheby's liegt mit 25 000 bis einer Million Dollar etwas darunter - Regionen, in denen Phillips letztes Jahr bei durchschnittlichen Zuschlägen von 107 000 Dollar eine Steigerung von satten 34 Prozent erzielte.

Nun sind 100 000 Dollar immer noch mehr, als sich die meisten Menschen leisten können. Aber es gibt auch günstigere Stücke im Angebot. Bei Christie's läuft im Moment eine Internet-Auktion, bei der die Startgebote für Druckgrafiken des belgischen Surrealisten Paul Delvaux bei 700 Dollar beginnen.

Ein Kerzenleuchter des englischen Silberschmieds John Hyatt? 438 Pfund

Sotheby's in London veranstaltete vor zwei Wochen die Versteigerung "Of Royal and Noble Descent". Dort war für 688 Pfund das Gemälde "Fest im Hause Simons" von der Hand "eines Nachfolgers" des flämischen Barockmalers Frans Francken des Jüngeren zu erwerben - ein hübsches kleines Bild, das einst auf Schloss Guteborn in Sachsen hing. Eine Serie von elf Pflanzen-Aquarellen, britische Schule, Anfang des 19. Jahrhunderts, ging für 1000 Pfund weg, ein niederländischer Vitrinenschrank aus dem 18. Jahrhundert für 2000 Pfund. Oder wie wäre es mit einem Kerzenleuchter des englischen Silberschmiedes John Hyatt aus dem Jahr 1761? Er wechselte den Besitzer für 438 Pfund.

Chairman von Sotheby's Europe, Philipp von Württemberg, kann darin keinen Widerspruch zur "Stärkung des Kerngeschäfts" erkennen, von der eben die Rede war. "Würden wir ausschließlich die teuersten Stücke verkaufen, würden keine Kunden zu uns kommen." Für Württemberg gehört die Akquisition von Nachlässen mit erschwinglichen Werken zum Service, den man den Kunden bieten möchte, sowohl den Käufern als auch den Einlieferern.

Denn nur so könne man sich die Schwergewichte des Marktes sichern, etwa im heiß umkämpften Handel mit exquisiten Uhren: "Eine Rolex für ein paar tausend Euro anzunehmen, bedeutet, dass wir irgendwann auch an die spektakulären Exemplare kommen." Wie die Taschenuhr, die ein Sammler in den Dreißigerjahren bei Patek Philippe hatte anfertigen lassen. Sotheby's versteigerte sie für 23,2 Millionen Franken.

Ähnlich ist die Situation bei den Häusern, die überwiegend auf dem nationalen Markt agieren. Der Aufwand, günstige Einlieferungen zu begutachten und zu katalogisieren, ist genauso groß wie bei denen, die Hunderttausende und Millionen einspielen. Aber es lohnt sich offensichtlich. "Es gab bei uns einmal die Überlegung, Kunst unter einem Schätzpreis von 1500 Euro nicht mehr zu akquirieren", sagt Robert Ketterer vom gleichnamigen Münchner Auktionshaus, "doch davon haben wir wieder Abstand genommen."

Ketterer ist traditionell stark beim deutschen Expressionismus, wo die Preise Regionen von sechs und sieben Stellen vor dem Komma erreichen. Seit einiger Zeit stellt er günstige Offerten auch ins Internet. Da gibt es dann mit etwas Glück Werke von unbekannteren Expressionisten oder kleinere Arbeiten der derzeit stark gefragten Zero-Künstler um Heinz Mack und Günther Uecker bereits für wenige hundert Euro.

Grisebach aus Berlin, vor Ketterer und Lempertz aus Köln der Marktführer in Deutschland, veranstaltet schon lange seine "Third Floor"-Auktionen mit Schätzpreisen bis 3000 Euro. Auch bei den Fotoauktionen von Grisebach wird immer wieder attraktive Qualität für wenig Geld angeboten. "Das sind zwei ganz wichtige Abteilungen für uns", sagt Micaela Kapitzky, eine der geschäftsführenden Gesellschafterinnen. "Mit beiden schreiben wir tiefschwarze Zahlen. Und sie sind eine wunderbare Möglichkeit, jüngere Sammler auf uns aufmerksam zu machen."

Das Publikum bei Auktionen hat sich zuletzt stark verändert. Waren es früher vor allem Händler, die sich mit frischer Ware eindeckten, so machen diese heute höchstens ein Drittel der Besucher aus. Bei großen Abendauktionen mit den Millionenobjekten herrscht von jeher großer Andrang, wobei es sich bei rund zwei Drittel der Besucher um Schaulustige handelt, schätzt Philipp von Württemberg von Sotheby's. Anders ist es bei den Auktionen, bei denen es um weniger gefragte Stücke geht. Wenn Sotheby's in Paris altes Silber versteigert, sind im Saal oft nur wenige Sitzreihen besetzt.

Ähnliches gilt für die Versteigerungen der anderen Häuser - gerade auch für Auktionen im Internet. Da hier das Phänomen der Schwellenangst praktisch nicht existiert, sind unter den Käufern viele, die zum ersten Mal zuschlagen, hat etwa Robert Ketterer beobachtet.

Auch Katrin Stoll vom Münchner Auktionshaus Neumeister hat regelmäßig Kunst und Kunsthandwerk zu erstaunlich niedrigen Startpreisen in ihren Katalogen. Doch die Euphorie der Kollegen teilt sie nicht ganz: "Wenn man nur ein paar hundert Euro pro Los umsetzt, rentiert sich das nicht wirklich", sagt Stoll. "Aber es macht unsere Auktionen interessanter, denn die leben vom Charme der Heterogenität. Davon, dass für jeden etwas dabei ist."

Ähnlich sieht es ihr Münchner Kollege, der Design-Spezialist Askan Quittenbaum: "Es gibt tolle signierte Grafiken von Max Liebermann oder Lovis Corinth manchmal schon für 150 Euro. Das sind eigentlich Spottpreise." Aber das heißt nicht, dass seine Kunden auf die Unterhaltung verzichten müssen, die Auktionen mit sehr viel teureren Werken bereit halten. "Je länger mehrere Interessenten um ein Stück bieten, desto stärker steigt die Spannung im Saal." Und am Ende geht ein Raunen durch die Sitzreihen, so wie bei Picasso oder Modigliani.