Künstler in New York Nichts, auf das ich mich verlassen kann

Meine Eltern arbeiteten beide an der Oper in Zagreb, mein Vater als Dirigent und Direktor, meine Mutter als Sängerin. Im gleichen Jahr, als ich meine Heimat an den Krieg verloren habe, ließen sie sich scheiden. Ich feierte in dem Herbst meinen neunten Geburtstag und bekam von alldem zuerst wenig mit, sie hatten mich über den Sommer in die USA geschickt, wo ich bei Verwandten meiner Mutter lebte. Als ich von dort zurückkam, gab es kein Zuhause und keine Familie mehr.

Lana Cenčić: Als ich aus den USA zurückkam, gab es kein Zuhause und keine Familie mehr

(Foto: privat)

Ich ging mit meiner Mutter nach Wien, sie hatte dort Verwandte. Da mein Bruder schon vorher bei den Wiener Sängerknaben das Internat besucht hatte, änderte sich für ihn nicht viel. Nur, dass jetzt seine Mutter und seine Schwester in der gleichen Stadt lebten. Meine Freunde ließ ich zurück, ich kam auf eine Schule in Wien. Deutsch konnte ich allerdings noch so gut wie gar nicht.

Kunst als Möglichkeit des Neuanfangs

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich ein Mädchen, das auf einen Schlag nichts mehr hat, worauf es sich verlassen kann. Ich glaube, ich habe damals ein Stück Vertrauen in die Welt verloren: mein Zuhause, Freunde, Muttersprache, meine Verwandten, den Vater, der zunächst im zerfallenden Jugoslawien blieb. Entsprechend unsicher war ich. Und die Kinder an der Schule haben das ausgenutzt. Mein fremder Akzent, meine Schüchternheit - Kinder erkennen die Schwachstellen schnell. So viel Abneigung wie damals als Kind in Wien habe ich nie wieder gespürt.

Meine Strategie war es, mich anzupassen. Möglichst schnell möglichst gut Deutsch zu lernen, mich möglichst unauffällig zu verhalten. Ich war ja immer nur Gast. Nur keine Umstände meinetwegen.

Wir lebten damals bei einer Tante meiner Mutter, eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Wien. Wir Frauen teilten uns ein Zimmer zu dritt. Auch hier hatten wir riesiges Glück, dass wir überhaupt jemanden im Ausland hatten, zu dem wir konnten. Die syrischen Familien, die heute ihre Heimat verlassen müssen, haben meistens niemanden, bei dem sie unterkommen können.

Ich wuchs viel alleine auf. Wenn meine Mutter meinen Bruder auf seinen Konzertreisen mit den Sängerknaben begleitete, war ich auf mich gestellt. Wien wurde allerdings nie ein richtiges Zuhause für mich. Zwei Jahre später kam der zweite Bruch in meinem Leben: Ich zog alleine nach London. Meine Mutter schickte mich dort mit zehn Jahren auf eine Tanzschule, ich hatte ja schon seit meinem dritten Lebensjahr Tanzunterricht, so konnte ich bald mit dem englischen Nationalballett auftreten. Die Kunst war immer eine Chance für mich. Ein Ausweg und eine Möglichkeit, neu anzufangen. Das habe ich schon als Kind gelernt.

Gleich in unserer Entwurzeltheit

Obwohl ich in London auf dem Internat allein zurechtkommen musste, fühlte ich mich endlich ein bisschen weniger fehl am Platz: An meiner Schule dort waren Kinder aus allen Teilen der Welt, aus Korea, China und Iran. Wir waren irgendwie gleich in unserer Entwurzeltheit. Ich lernte schnell Englisch. Wieder eine neue Sprache. Es waren drei gute Jahre in London für mich. Dann zurück nach Wien, für ein weiteres Jahr. Mit meiner Mutter verstand ich mich zu der Zeit schon nicht mehr sehr gut.

Als ich 14 Jahre alt war, riss ich aus. Der dritte große Neuanfang, aber diesmal wollte ich das selbst. Ich ging alleine zurück nach Zagreb, irgendetwas zog mich dorthin. Meine Mutter hatte in der Stadt noch eine Eigentumswohnung, in der ich wohnte. Und irgendwie ist es mir nicht nur gelungen, mich alleine in eine Schule einzuschreiben, sondern auch die anderen beiden Zimmer der Wohnung an zwei Mädchen unterzuvermieten. Ich schaltete eine Zeitungsanzeige, in der ich Untermieterinnen suchte. Die beiden zahlten Miete und Nebenkosten in bar, davon lebte ich.

Das ging alles einigermaßen gut. Ich war jedenfalls fest entschlossen, dort zu bleiben und die Schule fertigzumachen. Dann aber hat meine Mutter die Wohnung plötzlich verkauft, ich musste raus. Ich zog zu meinem Vater, den es während des Krieges ebenfalls nach Wien verschlagen hatte. Aber keine Schule wollte mich während des Schuljahres aufnehmen und da ich bald 16 war, endete auch meine Schulpflicht.

Damit ich nicht vollkommen verblödete, habe ich gelesen. Ein Jahr lang alles, was ich in die Finger bekam: Krieg und Frieden, Anna Karenina, Stanislaw Lem, Sartre und Simone de Beauvoir, Miller, Hemingway und Erich Fromm.

Mit 17 öffnete sich endlich die nächste Tür: die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium in Wien. Ich wurde als einzige Bewerberin aufgenommen.

Musik und Tanz als Ventil

Unsere Eltern sahen den Tanz- und Musikunterricht, den mein Bruder und ich als Kinder erfahren hatten, vielleicht als unser Backup in einer so unsicheren Zeit: Schauspielerei und Musik sollten unsere Rettung sein, als der Krieg die Ordnung unseres Lebens zerstörte. Schon in jungen Jahren hatten wir Rollen in Theaterstücken und Fernsehfilmen gespielt. Und wenn ich schon kein Abitur machen konnte, wollte ich eine Ausbildung zur Musical-Sängerin machen. Musik und Tanz waren immer das Ventil, über das ich mich ausdrücken konnte.

Schnell wurden mir Engagements angeboten, mit 18 konnte ich in einer Berliner Produktion auftreten. Das Theater bezahlte mir jede Woche die Flüge zwischen Wien und Berlin, sodass ich proben und auftreten und zugleich den Unterricht in Wien besuchen konnte. In Berlin fühlte ich mich wohl, also zog ich nach dem Konservatorium ganz dorthin, um Theater zu spielen. Ich habe dort eine Freiheit gespürt, die ich aus Wien nicht kannte. Niemand schaut einen in Berlin komisch an, wenn man außergewöhnliche Klamotten trägt.

Trotzdem immer wieder Österreich: Mit 25 Jahren kehrte ich zurück und studierte Jazz an der Bruckner-Universität in Linz. Ich versuchte einen Neuanfang, der dem ähnelte, was ich mir unter einem Erwachsenenleben vorstellte. Ich heiratete und richtete mich in einem halbwegs stabilen Leben ein. Erwachsen werden heißt sesshaft werden, so stellte ich mir das damals vor.