Kritik am Suhrkamp-Verlag Ein Tellkamp-Tweet wird für Suhrkamp zum Bumerang

Nicht jeder ungeschickte Tweet ist ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit – über das Missgeschick des erfolgreichen Suhrkamp-Verlags wird in den Leipziger Messehallen viel gesprochen.

(Foto: Holger John/imago)

Die Attacken gegen den Traditionsverlag gelten dem "linksliberalen Mainstream". Doch die Legende von der linken "Suhrkamp culture" war immer nur die halbe Wahrheit.

Von Lothar Müller

Eigentlich müsste Champagnerlaune bei Suhrkamp herrschen. Der Verlag hat mit Esther Kinskys "Hain. Geländeroman" in der Belletristik und Serhij Zhadans "Internat" in der Kategorie Übersetzung zwei der drei Preise der Leipziger Buchmesse gewonnen. Aber die Laune ist getrübt, denn seit einer Woche steht Suhrkamp unter Beschuss, vor allem in den sozialen Medien, als Zensor seiner Autoren, als in Gesinnungsprüfertum abgeglittene Bastion linker Diskurshoheit oder auch als "Stasi Verlag". In manchen Schreiben werden die Mitarbeiter als "willfährig apportierende Systemdackel" oder "widerliche Systemschleimbeutel" attackiert.

Ein Tweet, den der Verlag am 16. März vormittags abgesetzt hat, ist zum Bumerang geworden. Er hatte darin auf die Diskussion seiner Autoren Durs Grünbein und Uwe Tellkamp über "Die Meinungsfreiheit in der Demokratie" am Vorabend im Dresdner Kulturpalast "aus gegebenem Anlass" mit dem dürren Appell reagiert, "die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, nicht mit der des Verlages zu verwechseln". Auf die Idee wäre ohnehin niemand gekommen, der gehört hatte, wie Uwe Tellkamp, als es um die Darstellung der Flüchtlingspolitik in den Medien ging, gesagt hatte: "Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Über 95 Prozent. Das ist eine offizielle Untersuchung. 95 Prozent der Migranten!"

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Von der Meinungsfreiheit war das gedeckt, von den Statistiken nicht. Der Tweet war überflüssig und ungeschickt. Überflüssig war er, weil sich das, was er mitteilte, von selbst versteht. Warum er ungeschickt war, steht in dem Essay "Sprechakte" des US-amerikanischen Sprachphilosophen John R. Searle, dessen deutsche Übersetzung 1971 bei Suhrkamp erschien. Sprachliche Äußerungen sind Handlungen, deren Bedeutung auch darin liegen kann, dass sie überhaupt getan werden. Ein einfacher Satz wie "Ich gehe jetzt" kann den Abbruch einer Beziehung bedeuten, die Aufkündigung eines Gesprächs.

So trivial der Inhalt des Tweets sein mochte - die Botschaft lag darin, dass er überhaupt abgesetzt wurde. Kaum war er in der Welt, hatte er die Form der Nachricht "Suhrkamp distanziert sich von seinem Autor Uwe Tellkamp" angenommen. Dass es so kommen würde, hätte man im Hause Suhrkamp wissen und sich die genervte Reaktion Durs Grünbeins ersparen können: "Ein einziger Tweet kann eine ganze Debatte zerstören." Aber der ungeschickte Tweet war kein Akt der Zensur, er war kein Aufruf zur Bücherverbrennung, und der Verlag nimmt auch keinen Tellkamp-Titel aus seinem Programm. Stattdessen hüllt er sich in Schweigen und muss machtlos zusehen, wie das Suhrkamp-Bashing über seinen Anlass mehr und mehr hinausgeht.

Dieses Missverhältnis zwischen Ausmaß und Anlass der Attacken wird nicht nur von den aktuellen Energien der Dramatisierung und Hysterisierung befördert, sondern auch von einem alten Erbstück der Verlagsgeschichte, dem Mythos von der "Suhrkamp culture", den George Steiner 1973 im Times Literary Supplement in die Welt setzte. Wie der ungeschickte Tweet wird er nun zum Bumerang. Wenn Suhrkamp als "ehemals renommierter Verlag" oder Flaggschiff des "linksliberalen Mainstreams" angegriffen wird, dann vor der Folie dieses Mythos.

Er besagt in seiner populären Variante, Suhrkamp sei als Verlag der zurückgekehrten jüdischen Emigranten, als Hort der Kritischen Theorie und des Neomarxismus erfolgreich geworden und habe als Inbegriff jener geistigen Strömungen das intellektuelle Klima der alten Bundesrepublik mitbestimmt, die aktuell als "linksliberaler Mainstream" attackiert werden, dessen Ende nun endlich nahe.

Suhrkamp hat sich seine bipolare Binnenspannung bewahrt

Dieser Mythos war aber, obwohl der Verlag sich gelegentlich selbst gern darin sonnte, immer schon nur die halbe Wahrheit. Ja, Walter Benjamins "Berliner Kindheit um 1900" gehörte zu den ersten Büchern, die im Herbst 1950 im Verlag erschienen, aber der Schlüsselautor für die Verlagsgründung war Hermann Hesse, und Werkausgaben wurden nicht nur für Bertolt Brecht geplant, sondern auch für Rudolf Alexander Schröder, und natürlich nahm Peter Suhrkamp in die Neuausgabe der Anthologie "Deutscher Geist", die er 1940 zusammen mit Oskar Loerke bei Fischer herausgebracht hatte, auch Rudolf Borchardt auf, der in der Weimarer Republik ein Protagonist der "konservativen Revolution" gewesen war.

Aus seinen Rosenkriegen und buddenbrookschen Niedergangskrisen wäre Suhrkamp wahrscheinlich nicht als immer noch vitaler Verlag hervorgegangen, hätte er sich nicht seine bipolare Binnenspannung bewahrt. Schon vor der Wende kam, mit der "Kritik der zynischen Vernunft" Peter Sloterdijk in den Verlag, der sich zum verlässlichen Antipoden von Jürgen Habermas und der jüngeren Erben der Kritischen Theorie entwickelte.

Martin Walser war noch Suhrkamp-Autor, als er zum Entdecker des Nationalen in sich selbst wurde und gegen die deutsche Teilung anschrieb. Und der ideologisch notorisch unzuverlässige Heiner Müller ebnete die Wege, auf denen der junge Dichter Durs Grünbein in den Verlag kam. Grünbein hat im Dresdner Streitgespräch mit Uwe Tellkamp seine Abneigung gegen enge Meinungs- und Diskursgrenzen auch mit der Erinnerung an die Spätzeit der DDR begründet, als, etwa im Umkreis von Heiner Müller, die anstößigen Schriften von Ernst Jünger, Carl Schmitt oder auch Céline gelesen wurden.

Zu den diskursiven Spielen auf Buchmessen gehört die fiktive Besetzung von "Planstellen" der Gegenwartsliteratur. Wären die aktuellen Debatten nicht so humorlos, könnte in Leipzig mit Aufatmen festgestellt werden, dass sich im Streitgespräch von Tellkamp und Grünbein endlich Neubesetzungen der Stellen des bodenständigen Martin Walser und des kosmopolitischen Hans Magnus Enzensberger ankündigen, mit Autoren, die nicht in der alten Bundesrepublik geboren wurden.

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