Krimi "Brennerova" von Wolf Haas Zerhackte Sachen sind meist handlicher

Wolf Haas, Jahrgang 1960, wurde mit seinen Romanen um den Detektiv Simon Brenner bekannt. Mehrfach gewann er den Deutschen Krimipreis.

(Foto: dpa)

"Früher hat man gesagt, die Russinnen", fängt der neue Krimi von Wolf Haas an. Mit denen hat es sein verschrobener Held Brenner. In "Brennerova" lässt der Autor Globalisierung und Digitalisierung auf die Sprach-, Traum- und Denkspiele der Wiener Moderne treffen.

Von Nicolas Freund

Die Hände sind besondere Körperteile. Mit den Händen berührt man Menschen, schüttelt andere Hände und verteilt auch mal Ohrfeigen. Mit einem Stift in der Hand schreibt man, mit einer Nadel in der Hand tätowiert man, mit einem Beil in der Hand hackt man Hände ab. Dass ein Paar Hände abgehackt werden, kommt vor, aber dass zwei Paar Hände auf einmal ab sind, muss man erst einmal verarbeiten. Auch das Smartphone, das die Welt in kleine digitale Bites, Bytes und Pixel zerhackt, kann dem Ermittler nicht helfen, zumal, wenn er es zu Haus vergessen hat.

Wolf Haas lässt seine Leser gerne erst einmal im Dunkeln tappen. Wie schon beim ersten Brenner-Krimi "Die Auferstehung der Toten" von 1996, in dem die Ermittlungen nicht, wie zu erwarten, in die Unterwelt, sondern in die Grammatik geführt haben. Am Anfang der fatalen Kausalkette dieses neuen Romans steht wieder ein Fall, und zwar der Fall einer Gartenschere vom Dach auf den Gehweg, den zufällig gerade Brenner und seine Bekannte, die Frührentnerin Herta passieren. Passiert ist den beiden zum Glück nichts, denn die Schere hat hier ausnahmsweise einmal zwei Dinge zusammengebracht und nicht getrennt. Das werden nach knapp 250 Seiten nicht alle Figuren behaupten können, orakelt der berühmte Erzähler der Brenner-Romane hier bereits. "Aber ich sage immer, da ist die Herta natürlich die Allerletzte, der man das zum Vorwurf machen darf."

"Nur damit ich ihn sterben lassen kann"

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Auch die oft abgründigen Doppeldeutigkeiten gehören seit dem ersten Fall zum festen Repertoire. Das Meiste im mittlerweile achten Brenner-Roman ist nicht neu, funktioniert aber noch immer. Eben jenes Kapitel nun über die abhanden gekommenen Hände gehört sogar zum Besten, was der Österreicher Wolf Haas seit seinem Debütroman veröffentlicht hat.

Und das, obwohl Detektiv Brenner, auf den die Erzählung meist fokussiert ist, hier gar nicht vorkommt, sondern nur die Krankenschwester Anna Elisabeth, eine Figur, wie es sie in allen Brenner-Romanen gibt, ein wandelndes Klischee der kleinen Stationsschwester, die alle Fäden in der Hand hält. Die, aus erster oder aus zweiter Hand, ebenso genau weiß, wer wo was tätowiert hat. "Es gibt Operationen, und es gibt Operationen."

Am Anfang der fatalen Kausalkette steht in "Brennerova" der Fall einer Gartenschere.

(Foto: Cultura Images/F1online)

Da kapituliert irgendwann auch die Sprache. Die Sätze dieser eigenwilligen, inzwischen sehr routinierten Kunstsprache wirken häufig, als wären sie mit Beil oder Gartenschere bearbeitet worden: "Um zwei Uhr früh alle aus dem Schlaf geholt, weil vom Notarztwagen die abgehackten Hände angekündigt, da muss es schnell gehen. Das ist natürlich schon, da geht der Puls einmal. Da flattert er, frage nicht." Diese Sätze sind selbst wie Armstümpfe, die in nur eine Richtung weisen, auf die immergleichen Phrasen zielen. Da scheint es plötzlich kein Zufall mehr, wenn auch die griechischen und russischen Aphorismen auf den tätowierten Armen mittendurch gehackt sind.