Konflikt um Suhrkamp-Verlag "Du-weißt-schon-wer"

"Wir gehören zum Suhrkamp Verlag, nicht aber in die Gesellschaft eines, der den Verlag aufs Spiel setzen will": In einem Aufruf bekennen sich die Suhrkamp-Autoren zu ihrer Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz. Gleichzeitig erreicht die Dämonologie im Streit um den Verlag eine neue Stufe.

Von Christopher Schmidt

Lord Voldemort, so nennt sich in den "Harry Potter"-Romanen der Gegenspieler, der die Macht an sich reißen will. Doch selbst in der Zauberer-Postille Der Tagesprophet wird er nur als "Du-weißt-schon-wer" oder "Der, dessen Name nicht genannt werden darf" angesprochen. Die Scheu, das personifizierte Böse beim Namen zu nennen, hat nun von der Welt der Fiktion auf reale Muggel-Medien (Muggel heißen in den "Harry-Potter"-Büchern Menschen ohne magische Fähigkeiten) übergegriffen, und zwar in Form eines Aufrufs, den mehr als siebzig gute Geister aus dem Hause Suhrkamp unterzeichnet haben.

Zu den Schriftstellern, die sich für die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz stark machen, zählen Volker Braun und Tankred Dorst, Durs Grünbein und Hans Ulrich Gumbrecht, Paul Nizon, Robert Menasse und Uwe Tellkamp sowie Autorinnen wie Sibylle Lewitscharoff, Judith Schalansky, und Friederike Mayröcker. Vor allem aber gehören auch die Erben prägender Suhrkamp-Autoren wie Max Frisch, Bertolt Brecht, Thomas Bernhard oder Hermann Hesse zu den Unterzeichnern, was der Erklärung zusätzlich Gewicht verleiht.

Entsprechend gravitätisch ist diese formuliert. So heißt es da: "Wir, die Autoren und Erben, lassen nicht zu, dass der Frieden dieses Hauses gebrochen wird. Wir gehören zum Suhrkamp Verlag, nicht aber in die Gesellschaft eines, der den Verlag aufs Spiel setzen will." In einer merkwürdigen Diskrepanz zum getragenen Abendland-Untergangs-Pathos der Erklärung stehen sowohl die Lakonie als auch die Schwammigkeit, mit der sie abgefasst ist. Kämpferische Bekenntnisse sollten feuriger intoniert sein.

Insbesondere der genitivische Gebrauch des unbestimmten Artikels "einer", den man heutzutage eher selten findet und dem daher etwas Gesuchtes anhaftet, macht stutzig. Könnte es sein, dass die Solidaritätsadresse nicht allein der Rettung des Hauses Suhrkamp gilt, sondern sich auch gleich die des Genitivs angelegen sein lässt? Und gäben die Autoren damit nicht selbst das schönste Beispiel dafür, dass Suhrkamp nur ein anderer Name ist für Sprachpflege überhaupt?

Der Unaussprechliche

Schwerwiegender als solche volkspädagogischen Nebeneffekte ist aber, dass durch die Wahl des evasiven Wortes "eines", das man getrost durch "Du-weißt-schon-wer" ersetzen kann, derjenige, der sich dahinter verbirgt, zum Unaussprechlichen promoviert wird, zum Gottseibeiuns. Denn gemeint ist ja kein anderer als der zum Feindbild gewordene Suhrkamp-Gesellschafter Hans Barlach.

Offenbar haben sich die Resolutionisten dabei von Peter Handke inspirieren lassen, der Barlach als "Unhold" und "Abgrundbösen" bezeichnet hatte. Handke, obwohl auf der Liste nicht vertreten, wird eingangs mit den Worten zitiert: "Das Suhrkamp-Haus, das Haus Siegfried Unselds ist für mich, immer noch und heute grundfester denn je, das deutschsprachige Haus des Geistes." Begriffe wie Haus, Grundfesten und deutscher Geist beschwören ein anheimelndes Assoziationsfeld, in dessen Ton der Aufruf einstimmt, wenn er diese heile Welt in Kontrast setzt zu einer äußeren Bedrohung, deren Unbestimmtheit sie umso gefährlicher erscheinen lässt. Als Verstärkung wird auch noch Georg Büchner herbeizitiert, schließlich klingt im "Frieden des Hauses" dessen Flugschrift-Satz "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" an. So lädt sich das alte Märchen Geld gegen Geist mit quasi-sozialkämpferischem Furor auf.

Die Dämonologie im Suhrkamp-Streit hat damit eine neue Stufe erreicht: Man überträgt die Hexen-Mythologie um Ulla Unseld-Berkéwicz auf den Unternehmer Hans Barlach. Doch statt mit Zaubertinte geschriebener Verwünschungen täte der Gegenzauber der Versachlichung auch im Tonfall not.