Klavier spielen lernen mit Chilly Gonzales Hausmusik zum Selbermachen

Chilly Gonzales: Auf seinen Konzerten bittet er Zuhörer oft zur spontanen Unterrichtsstunde auf die Bühne.

Der kanadische Pianist, Rapper und Entertainer Chilly Gonzales hat ein Piano-Lehrbuch für Anfänger geschrieben, das jeder Schüler dieses Instruments besitzen sollte. Denn es wird ein Klassiker unter den Klavier-Fibeln werden. Jede Wette.

Von Max Fellmann

Übung macht keinen Meister, sondern schlechte Laune. Schon mal Bartók auf dem Klavier gespielt? Die Etüden? Oder Czerny, die Übungsstücke? Es gab Zeiten, in denen musste jeder Klavierschüler da durch, und auch wenn es heißt, es sei unabdingbar für die Fingertechnik: Was man da vor sich hinklimpert, klingt lieblos und eintönig und dröge und staubig.

Weil es eben nicht um eine musikalische Herausforderung, sondern nur um Spieltechnik geht. Akustischer Lebertran: Mag ja förderlich sein, ist aber grässlich. Das Gegenteil - kompositorisch wertvolle Etüden, die kein Normalsterblicher je hinbekommt - macht natürlich auch nicht glücklich. Liszt-Etüden: Selbstmord für die Finger. Chopin-Etüden: wunderschön, aber wer sich je die linke Hand an der Revolutionsetüde verknotet hat, weiß, sie sollte eigentlich Sisyphos-Etüde heißen.

Der kanadische Pianist und Entertainer Chilly Gonzales kennt das Problem. Er wurde auf diesen Seiten schon oft für seine Konzerte gerühmt, bei denen er nicht nur spielt, sondern auch doziert, Geschichten erzählt, Zuhörer zur spontanen Unterrichtsstunde auf die Bühne bittet.

Gonzales weiß, dass es unter seinen Fans (und das sind viele, in München zum Beispiel füllen seine Auftritte mühelos die Philharmonie) überdurchschnittlich viele Menschen gibt, die selbst früher einmal Klavier gespielt haben. Menschen, die das meiste aus den üblichen paar Jahren Unterricht in ihrer Jugend längst vergessen haben, aber immer noch genug wissen, um ihm bei seinen Exkursen über Tonarten und Musikgeschichte folgen zu können.

Nach jedem Gonzales-Konzert gehen mindestens 500 Zuhörer (gründliche Schätzung der SZ) mit dem festen Vorsatz nach Hause, mal wieder selbst Klavier zu spielen. Die Frage ist bloß: Wo anfangen? Sich die Finger brechen an Stücken, die vor 20 Jahren schon zu schwer waren? Noch mal ganz vorne anfangen, mit dem "Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach"? Alles nicht besonders verlockend. Also legt Chilly Gonzales, der schlaue Hund, einen eigenen Etüden-Band vor: 24 einfache Stücke in klassischer Notation unter dem Titel "Re-Introduction Etudes", dazu das Ganze auch noch als CD, für den Fall, dass die Schüler am Ende doch lieber ihm zuhören, als sich selbst abzumühen.

Ein bisschen Erik Satie, ein wenig Chopin

Die Stücke könnten großteils auch von Gonzales' sehr erfolgreichen "Solo Piano"-Alben stammen: einfache Miniaturen, klare Melodieführung, kaum komplexe Akkordwechsel. Ein bisschen Erik Satie, ein wenig Chopin, eher wenig Jazztonalität, dafür Pop-Anklänge.

Auch Feierabendmusiker, die lange nicht mehr vor einem Klavier saßen, kommen mit diesen Stücken in kurzer Zeit sehr weit. Denn Gonzales hat genau im Blick, wie hoch eine Schwelle sein darf, damit es ein Klavierschüler mit eingerosteten Fingern drüber schafft.

Jede der 24 Etüden widmet sich einer speziellen Technik. Damit ist nicht nur spielerische Technik gemeint, sondern auch kompositorische: Das Stück "Climbing and Falling" veranschaulicht das Prinzip "Tonleitern als Melodien", "Cycle Therapy" führt den Quintenzirkel vor, "Lefties" Begleitungen für die linke Hand.