"Lucky" im Kino Weisheiten einer Schildkröte

Jeden Morgen eine Zigarette, ein paar Übungen, rein in die Klamotten, dann ins Diner, zum Frühstück: Harry Dean Stanton als Lucky.

(Foto: Alamode)

Die Tragikomödie "Lucky" ist das Vermächtnis des verstorbenen Schauspielers Harry Dean Stanton. Ein wunderbarer Film nicht über den Tod, sondern über das Leben mit der Sterblichkeit.

Von Fritz Göttler

Ein Roadmovie für eine Schildkröte. An der Lebensdauer, der Geschwindigkeit, der Neugier dieses Tiers scheinen die Route und das Tempo des Films sich zu orientieren. Die Schildkröte heißt Präsident Roosevelt.

Der alte, verwitterte Lucky lebt in einem Städtchen in der Wüste von Kalifornien. Jeden Morgen rappelt er sich auf, rein in die Puschen, eine Zigarette, ein paar Übungen, rein in die Klamotten, ein Kreuzworträtsel, ab und zu eine Quizshow im Fernsehen, dann der langsame Spaziergang ins Diner, zum Frühstück. Er kennt die Leute dort und sie kennen ihn.

Harry Dean Stanton ist Lucky, die Geschichten, die der erlebt hat und von denen er in dem Film erzählt, hat Stanton selber erlebt. Jahrelang haben seine Freunde Logan Sparks und Drago Sumonja am Drehbuch gebastelt, der Schauspieler John Carroll Lynch - ein beliebter Nebendarsteller, er war unter anderem einer der McDonald-Brüder in "The Founder", Lyndon B. Johnson in "Jackie", der Killer in David Finchers "Zodiac" - hat das liebevoll inszeniert. Es ist seine erste Regiearbeit.

David Lynch hat einen Gastauftritt an der Seite seines alten Kumpels Harry

Lucky ist ein Tüftler, er knobelt gern an seinen Rätseln, aber auch an den Unwägbarkeiten und Geheimnissen des Lebens allgemein. Letzteres tut er gern am Abend, in einer kleinen Bar, unter lauter Freunden und Bekannten. Hier geht es durchaus erregt zu, manchmal fliegen die Fetzen. Lucky ist fragil und zart, aber rüstig, die träumerische Verschlossenheit, die er ausstrahlt, ist Methode. Das Wort "allein/alone", erklärt er in einer ganz eigenen, eigensinnigen Wendung, hat zwei Bestandteile: all & one ... So steht's im Wörterbuch!

Es ist der letzte Film, den Harry Dean Stanton, der letzten Herbst im Alter von 91 Jahren gestorben ist, gemacht hat, nach über zweihundert, zum Teil sehr kleinen Rollen, immer wieder in Fernsehserien. Er konnte unberechenbar sein und manchmal fies, stark blieb er in Erinnerung in "Paris, Texas" von Wim Wenders, wo er durch die Wüste wackelt und seine Frau sucht, Nastassja Kinski. Noch stärker vielleicht in dem Science-Fiction-Schocker "Alien", wo er einer der Bordmechaniker des Raumschiffs Nostromo ist und sich ein paar proletarische Gedanken macht über die Bezahlung an Bord und seine soziale Stellung.

Die Jahrzehnte in Hollywood haben Harry Dean Stanton eine Gelassenheit und Ruhe und Würde beschert, die nun die Essenz des Films "Lucky" ausmachen. Es gibt nichts zu spielen, hier ist nur Präsenz und sehr viel Schweigen. Die Dialoge klingen manchmal nach tiefgründiger Weisheit, manchmal eher kalauerhaft. Wenn Lucky beim Rätsellösen zum Telefonhörer greift und Rücksprache mit einem Freund hält, fragt man sich, ob da wirklich einer am Ende der Leitung hockt. Hollywoods Dialoge haben oft etwas Monologisches.

Realismus ist einer der Begriffe, der Suchwörter, die anfangs am Telefon verhandelt werden. Realismus nicht im ästhetischen Sinn, sondern als Lebenshaltung: Eine Situation hinnehmen, wie sie ist, und vorbereitet sein, entsprechend mit ihr umzugehen. Eine amerikanische Tradition, ein amerikanischer Stoizismus. Einmal steht Lucky vor dem Haus und wässert einen hohen Kaktus in einem Topf, er hat nur Unterhose und -hemd an, seine schwarzen Stiefel an den Füßen und seinen Hut auf dem Kopf.

Ein Idyll, das ganz ohne Sentimentalität auskommt. Eines Morgens klingt Johnny Cash aus dem Radio, der Song "I See a Darkness", und man spürt, die Idylle ist nur so idyllisch, weil sie einen dunklen Untergrund hat. Es ist kein Film über den Tod, sagt John Carroll Lynch, sondern einer über das Leben mit der Sterblichkeit.

Seit seiner Jugend hat Harry Dean Stanton immer wieder Musik gemacht, in Bands und Kneipen gespielt. Zu seinen Freunden zählten David Crosby und Kris Kristofferson, und einmal, erzählte er, habe er zusammen mit Bob Dylan einen mexikanischen Song aufgenommen, der wurde aber nie veröffentlicht. Lucky bläst auf einer Mundharmonika den Westernsong "Red River Valley", und auf einem Kindergeburtstag für einen mexikanischen Jungen schaut Lucky eine Weile stumm, fast ehrfürchtig zu, dann singt er unglaublich bewegend das Lied "Volver".

Ein guter Freund von Harry Dean Stanton war auch David Lynch, der Filmemacher hat ihn gern in seinen Filmen spielen lassen, Stanton war eine zentrale Figur im "Twin Peaks"-Universum, bedrohlich, rätselhaft. David Lynch spielt nun Luckys Freund Howard, der jeden Abend an der Theke der Bar hockt. Präsident Roosevelt ist verschwunden, berichtet er eines Abends betrübt, seine Schildkröte. Und wird ganz wild, weil Lucky turtle sagt statt tortoise - Präsident Roosevelt ist eine Landschildkröte! Dann setzt er an zu einem Loblied auf diese Tiere, wie unterschätzt sie werden. "Ich vermisse seine Persönlichkeit ... Ihr meint, eine Schildkröte ist etwas Langsames - aber denkt nur an die Last, die sie auf dem Buckel trägt. Ja, das ist zum Schutz, aber es ist endgültig der Sarg, in dem sie beerdigt werden wird. Also los, lacht nur ... Aber sie bewegte mich. Es gibt Dinge in diesem Universum, Ladies and Gentlemen, die sind größer als wir alle. Und eine Schildkröte ist eins davon."

Auch Lucky hat, mit dem schmalen Kopf, der aus seinem Hemd herausragt, den Runzeln, dem dünnen Hals und dem Hut mit der hochgeklappten Krempe, etwas Tortoiseskes. Auch das gehört zum Realismus, wie er in diesem Film verhandelt wird: "Eine Person akkurat darstellen, true to life."

Lucky, USA 2017 - Regie: John Carroll Lynch. Buch: Logan Sparks, Drago Sumonja. Kamera: Tim Suhrstedt. Schnitt: Robert Gajic. Musik: Elvis Kuehn. Mit: Harry Dean Stanton, Ron Livingston, Ed Begley Jr., Tom Skerritt, Beth Grant. Alamode, 88 Minuten.