"Happy End" im Kino Eine Ahnung vom Ende weißer Privilegien

"Happy End" zeigt die psychische Verstörtheit und das Auseinanderbrechen einer bürgerlichen Familie - unter anderem mit Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant (hinten links).

(Foto: X-Verleih)

Michael Haneke ist zu weiß und zu bürgerlich, um etwas anderes zu zeigen als sein eigenes Milieu. Aber das tut er in "Happy End" großartig.

Von Philipp Stadelmaier

Vor einigen Jahren, als sein Film "Liebe" ins Kino kam, schien es eine Zeit lang, als habe sich Michael Haneke einen Twitter-Account zugelegt. Dort waren regelmäßig kleine, in teutonischem Pseudo-Englisch verfasste Perlen der Arroganz zu lesen. "Ich habe einen Film über Schlaganfälle gemacht, und alles, was ich dafür bekommen habe, war dieses T-Shirt, eine Goldene Palme und fünf Oscar-Nominierungen", stand da etwa. Dann wurde aus den Nominierungen ein Oscargewinn, und die Tweets wurden noch eine Spur absurder.

Natürlich war das eine Parodie, erfunden von einem Witzbold namens Benjamin Lee. Der echte Haneke, das kann man sich vorstellen, muss sich nach dem enormen Erfolg von "Liebe" aber wirklich die eine oder andere Frage gestellt haben. Was soll man tun, wenn man gerade sein absolutes Meisterwerk vorgelegt hat, in dem man ein achtzigjähriges Ehepaar beim Sterben zeigt, die Leute ins Kino strömen und man außerdem so ziemlich jeden Filmpreis der Welt abgesahnt hat?

Eine Antwort auf diese Frage kann man jetzt in "Happy End" suchen. So heißt Hanekes neuer Film, der dieses Jahr wieder im Wettbewerb von Cannes lief. Wir sind in Calais, in Nordfrankreich, bei den Laurents, die ein wirtschaftlich schon etwas angeschlagenes Bauunternehmen führen und in einer riesigen Familienvilla wohnen. Da ist der alte Patriarch (Jean-Louis Trintignant), der einen Selbstmordversuch nach dem anderen begeht. Seine Tochter (Isabelle Huppert) muss einen Großunfall auf einer Baustelle managen und die Depressionen ihres Sohnes, der sich schon mal in einer irrsinnigen Szene in einer Diskothek bis zur Erschöpfung auf dem Boden wälzt. Ihr verheirateter Bruder, Thomas, scheint völlig eingekapselt in sich selbst zu sein, lebt aber in einer Affäre mit einer Cellistin erotische Dominanzfantasien aus. Zu Beginn des Films zieht dann noch Eve, Thomas' dreizehnjährige Tochter aus erster Ehe, in die Villa ein. Ihre depressive Mutter hat sich nach einer Überdosis Pillen ins Koma verabschiedet. Eve ist auch kein Engel, hat sie doch anfangs ihren Hamster mit Tabletten vergiftet und vielleicht - vieles weist darauf hin - auch ihre Mutter.

Haneke ist zu weiß und zu bürgerlich, um etwas anderes zu zeigen als sein eigenes Milieu

"Happy End" ist tatsächlich eine Art Fortsetzung von "Liebe". Schon da hatte Trintignant den alten Musikprofessor gespielt, der seine kranke Frau erstickt hatte, um sie von ihrem Leiden zu erlösen. Der neue Film spielt darauf an, der Patriarch erzählt, wie er einst seine kranke Frau auf die gleiche Weise getötet hat. Wie in "Liebe" verkörpert Huppert Trintignants Tochter. Aber während sich Haneke zuvor aufs Sterben eines bürgerlichen Ehepaars konzentriert hatte, zeigt er nun die psychische Verstörtheit und das Auseinanderbrechen einer bürgerlichen Familie.

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Zu deren Wahnsinn kommt noch eine latente Angst vor dem Fremden. Wir sind ja in Calais, wo es bis 2016 ein riesiges Flüchtlingslager gab, den mittlerweile geräumten "Dschungel". Immer wieder taucht eine Gruppe von Schwarzen auf - im Hintergrund, als Ahnung eines Eindringens und des Endes weißer Privilegien. Haneke geht nicht weiter auf sie ein, instrumentalisiert sie aber auch nicht. Er weiß, dass er selbst zu weiß und bürgerlich ist, um etwas anderes zu zeigen als sein eigenes Milieu. Der Mann kann Filme über ein Musikprofessoren-Ehepaar machen, das abends ins Konzert geht und sich danach stundenlang darüber unterhält, über Suizidversuche alter weißer Menschen und bürgerliche Neurosen. Nicht über Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben.