Kino: An Education Warum so große Ohren?

Bedient Nick Hornbys neuer Film antisemitische Klischees? In "An Education" trifft ein naives Schulmädchen auf einen raffinierten Verführer, der sich als Trickser herausstellt.

Von Rainer Gansera

Das naive Schulmädchen und der raffinierte Verführer. Die Geschichte ist bekannt. Das Außerordentliche an "An Education" ist der Zauber, den Hauptdarstellerin Carey Mulligan der Figur der 16-jährigen Jenny verleihen kann: Leichtigkeit, Anmut, Désinvolture.

Nichts von Lolita-Koketterie, sondern der viel attraktivere Liebreiz einer Mischung aus Naivität und Klugheit, aus dem Charme eines Lächelns, das Grübchen auf die Wangen zeichnet, und dem scharfen Witz ihrer Repliken. Schauplatz: Twickenham, ein trister Middleclass-Vorort Londons. Zeit: 1961, acht Jahre bevor die britische Hauptstadt zum "Swinging London" wird. Die Coming-of-age-Geschichte einer 16-Jährigen und einer Epoche.

Ausgehend von den autobiographischen Aufzeichnungen der britischen Journalistin Lynn Barber hat Nick Hornby Jennys Geschichte entworfen und ausgemalt. Im ironisch flackernden Erzählton von "An Education", im trockenen Dialogwitz und im Thema (Suche nach dem richtigen Sound der Existenz) lässt sich Hornbys Handschrift deutlich erkennen. Vor allem auch im Faszinosum der Jenny-Figur.

In seinem Debüt-Bestseller "Fever Pitch" erzählte Hornby von seiner ersten festen Freundin, beschrieb staunend deren Vorlieben und Leidenschaften - sie liebte Jewtuschenko-Gedichte und die Romane der Brontë-Schwestern - und sinnierte über den "unerklärlichen" Unterschied, den solche Leidenschaften bei Jungs und Mädchen haben: Bei Jungs bleiben die Leidenschaften uninteressanter Persönlichkeitsersatz, bei Mädchen aber spiegeln sie die Person und verleihen ihr "einen gewissen Glanz".

Jenny ist ein Mädchen, das sich in seinen Vorlieben spiegelt und glanzvoll selbst inszeniert. Sie begeistert sich für die Romane von Albert Camus und die Chansons von Juliette Gréco. Ihre Leidenschaft für den französischen Existenzialismus kontrastiert die bedrückende Enge des konservativen Elternhauses. Besonders der Vater (Alfred Molina) hat all seine Ambitionen auf Jenny projiziert. Sie soll den sozialen Aufstieg schaffen, in Oxford studieren. Jenny ist Einserschülerin, spielt Cello im Schulorchester und träumt von Paris.

Bis ihr eines regnerischen Tages ein Mann begegnet, David (Peter Sarsgaard), der doppelt so alt ist wie sie und ihr galant den Hof macht. Er fährt einen kastanienbraunen Bristol-Sportwagen und entführt sie in ein mondänes Dasein, das all ihre Träume übersteigt: schicke Restaurants, Jazzclubs, Kunstauktionen, Diskussionen über präraffaelitische Malerei, ein Trip nach Paris zu ihrem 17. Geburtstag, an dem sie ihre Jungfräulichkeit dreingeben will.

Vom Prinz zum Wolf

Jenny findet alles an David interessant und verlockend, weil es so anders ist: die Art, wie er ihre Eltern mit Rotwein und Komplimenten bezirzt, auch seinen Akzent, auch die Tatsache, dass er Jude ist. Im düsteren Taubenschlag des Elternhauses erscheint David wie ein Paradiesvogel. Nach dem ersten Kuss gesteht Jenny ihm: "Du weißt nicht, wie langweilig alles war, bevor ich dich traf!"

Das Schuluniform-Entlein verwandelt sich in einen Upperclass-Schwan. Doch dann die Ernüchterung. David verdient sein Geld mit zwielichtigen Tricks und Betrügereien, führt ein Doppelleben. Er ist nicht der Prinz aus dem Aschenputtel-Märchen, eher Rotkäppchens böser Wolf.

Bedient "An Education", wie geargwöhnt wird, antisemitische Klischees? Gewiss ist David der Verführer und Betrüger. Aber die dänische Regisseurin Lone Scherfig ("Italienisch für Anfänger") formt alle Figuren zu vielschichtigen Charakteren, vermeidet klischeehafte Typisierung. Jenny wird nicht einfach als Opfer gezeigt. Sie benutzt David für ihre Ambitionen. Moralisch ist sie ihm gar nicht überlegen. Es gibt den Augenblick, in dem sie zum ersten Mal von Davids krummen Machenschaften erfährt. Da braust sie entrüstet auf, aber schneller noch als Prinzessin Anne in Shakespeares "Richard III." lässt sie sich umstimmen und macht gemeinsame Sache mit ihm.

Das ist es, worauf "An Education" zusteuert: die Dialektik in Jennys Charakter. Einerseits ihre schöne, unschuldige Entpuppung, andererseits der Verlust der Unschuld, ihr Mitmachen beim Piekfeintun-Theater. Fast alle Figuren werden von kleinbürgerlichen Parvenü-Ambitionen angetrieben und landen damit auf der Nase. Der Film begleitet sie dabei aber keineswegs mit Schadenfreude, sondern mit Sympathie.

AN EDUCATION, GB 2009 - Regie: Lone Scherfig. Buch: Nick Hornby. Nach den Memoiren von Lynn Barber. Kamera: John de Borman. Musik: Paul Englishby. Mit: Carey Mulligan, Peter Sarsgaard, Olivia Williams, Alfred Molina, Cara Seymour, Rosamund Pike, Dominic Cooper, Emma Thompson, Sally Hawkins, Matthew Beard. Sony, 100 Minuten.

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