Juli Zehs "Unterleuten" Wer in Juli Zehs "Unterleuten" wen bewegt

Juli Zeh: eine Autorin mit stark ausgeprägtem Spieltrieb.

(Foto: dpa)

Passagen aus ihrem Roman weisen Ähnlichkeiten zum Buch einer Person auf, die es gar nicht gibt. Hat Juli Zeh also abgeschrieben? Aber von wem? Eine irrwitzige Recherche

Von Tobias Lehmkuhl

Juli Zeh hat ihrem neuen Roman "Unterleuten" (SZ vom 21. März) ein Motto vorangestellt: "Alles ist Wille". Der Satz könnte von Schopenhauer oder von Nietzsche stammen, aber ein weit weniger klingender Name steht unter dem Zitat: Manfred Gortz.

Manfred Gortz? Der Name fällt in Zehs Roman noch häufiger. Eine der Hauptfiguren nämlich, Linda Franzen, hat ein Buch von diesem Gortz gelesen, das sie ständig zitiert. "Dein Erfolg" heißt es, eine Art neodarwinistischer Lebensratgeber, in dem so schauderhafte Dinge stehen wie: "Leistung ist das wichtigste Kriterium für die Eröffnung von Erfolgs- und Lebenschancen. Leistung muss deshalb gemessen und immer verglichen werden. Wir brauchen Benotung, Bewertung, Ranking und Ratings. Das allerdings schmeckt den Gutmenschen nicht, die sonst bei jeder Gelegenheit Demokratie und Chancengleichheit für alle fordern."

Gortz trifft auch die Unterscheidung zwischen "Movern" und "Killjoys". Unter "Killjoys" fallen besagte Gutmenschen, "große Teile der intellektuellen Elite unseres Landes", mithin die sogenannte Lügenpresse. Ein Killjoy aber ist, in den Augen von Linda Franzen, auch der gescheiterte Akademiker Gerhard Fließ, der in Unterleuten den örtlichen Vogelschutzbund leitet und Franzen daran hindern will, einen Stall für ihr geliebtes Pferd zu bauen.

Linda Franzen sieht sich selbst entsprechend als "Moverin". Sie ist es, die Dinge, das heißt vor allem Menschen bewegt: "Denn Macht ist die Antwort auf die Frage, wer wen bewegt", heißt es bei Gortz. Will sie anderen diese Regel erläutern, greift Franzen auf ihre Erfahrung mit Pferden zurück: Obwohl Pferde doch viel größer seien als Menschen und auch viel stärker, würden sie sich doch von ihnen führen lassen, zumindest von jenen, die zu führen verstehen, die sich also mit Selbstsicherheit und Ruhe bewegen.

"Wissen Sie", sagt die Autorin auf Nachfrage, "ich kann sogar in der Zeit rückwärts schreiben."

Körpersprache ist entscheidend. Darin unterscheide sich der Mensch nicht vom Tier. Und einige der schönsten Szenen in "Unterleuten" sind denn auch jene, in denen Linda Franzen ihre Gegenüber wie am Zaumzeug durchs Dorf führt, zum Beispiel den Ingolstädter Unternehmensberater Konrad Meiler, der in Brandenburg riesige Landflächen gekauft hat, und darum nun mitspielt im Spiel um die Windkrafträder, die in Unterleuten gebaut werden, und deren Bau dazu führt, dass in diesem beschaulichen Dörfchen das Unterste zuoberst gekehrt wird.

Juli Zeh ist mit "Unterleuten" ein spannender, höchst unterhaltsamer und zuweilen ziemlich witziger Roman gelungen, den man trotz seiner Länge in kürzester Zeit wegliest. Und nach der Lektüre normalerweise weglegen würde. Stünde nicht die Begegnung mit der Autorin auf einem Podium an, bei der Juli Zeh über ihr Buch spricht. Also geht dem Treffen eine kurze Recherche im Internet voraus. Und dort taucht dann plötzlich Manfred Gortz und sein Buch "Dein Erfolg" auf. Gibt es das Buch also wirklich? Zuerst ist es 2015 in einem ominösen "Portobello Verlag", dann bei Goldmann erschienen, gut hundert Seiten umfasst das Werk, das einige begeisterte, einige entsetzte Kritiken auf Amazon bekommen hat.

Im Jahr 2015 erschienen? Aber wenn Juli Zeh zehn Jahre an "Unterleuten" gearbeitet hat, wie zu hören war, wie hat sie es dann geschafft, in so kurzer Zeit auch noch dieses Machwerk einzuarbeiten? Zum Überlegen bleibt nicht viel Zeit. Frage an Juli Zeh im Rahmen der Veranstaltung, wie ihr das gelungen ist. Zuvor hat sie bereits erzählt, wie schnell sie schreiben kann. Also sagt sie bloß: "Wissen Sie, ich kann sogar in der Zeit rückwärts schreiben."