Jubiläum Grüblerischer Grantler

"Kraftpaket" oder pragmatischer Bühnenkünstler? Gegen das Bild vom "Urgestein" hat Josef "Sepp" Bierbichler sich immer wieder gewehrt. Heute wird er 70 Jahre alt.

(Foto: dpa)

Der Schauspieler, Autor und Regisseur Sepp Bierbichler wird siebzig. Eine Gratulation.

Gastbeitrag von Thomas Ostermeier

Am heutigen Donnerstag wird der große Menschendarsteller, der Schauspieler, Autor und Regisseur Josef - "Sepp" - Bierbichler 70 Jahre alt. Urgestein, Kraftpaket oder bayerischer Löwe wird er gern genannt - weil er so stabil, so urwüchsig und urgewaltig wirkt. Gegen dieses Bild hat sich Bierbichler immer wieder gewehrt. Geboren 1948 in Ambach am Starnberger See als Sohn einer Landwirts- und Gastwirtsfamilie, zog es ihn früh zur Schauspielerei. Er drehte Filme mit Werner Herzog und Herbert Achternbusch, stand auf den großen Bühnen zwischen Hamburg und Wien und wurde vielfach ausgezeichnet. Dabei blieb er ein Unbequemer und Ungezähmter, auch in seiner neuen Rolle als Autor: 2011 erschien sein autobiografischer Zeit- und Familienroman "Mittelreich", den er unter dem Titel "Zwei Herren im Anzug" nun auch selbst verfilmte. Zum Geburtstag gratuliert dem "Sepp" Thomas Ostermeier, Künstlerischer Leiter und Regisseur an der Schaubühne Berlin. Die beiden haben häufig zusammen gearbeitet. Für Ostermeier, auch er gebürtiger Bayer, hat Bierbichler Big Daddy gespielt in "Die Katze auf dem heißen Blechdach", 2007, den Borkman in "John Gabriel Borkmann", 2008, oder Gustav von Aschenbach in "Der Tod in Venedig/Kindertotenlieder", 2013. Ostermeier trat in "Zwei Herren im Anzug" auf.

Lieber Sepp!

In einem alten Interview im Standard berichtest Du davon, dass Werner Herzog die Darsteller bei den Dreharbeiten für den Film "Herz aus Glas" hypnotisieren ließ. Du erzählst: "Ich hab überhaupt keine Angst gehabt, dass diese Hypnose bei mir funktionieren könnte. Und tatsächlich ist überhaupt nichts passiert. Der Hypnotiseur meinte zu Herzog: Bei dem geht das nicht, der ist nicht normal." Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass Du nicht normal bist. Du hast einfach mit dem ganzen Hokuspokus nichts am Hut. Und ich glaube, das ist normal. Immer wieder wehrst Du Dich dagegen, in den Arbeiten, in denen Du Dich mit Deinem ganzen Sein zur Verfügung stellst, die Prozesse mit irgendwelchen numinosen oder irrationalen Ritualen in Bewegung zu bringen. Es ist vielleicht eines der vielen Missverständnisse über Dich: dass Du mehr Bauch als Kopf bist. All das Gerede über deine Erscheinung und die Tiervergleiche, die Du so hasst, über das "Urwüchsige", das im Zusammenhang mit Dir so oft betont wird, und das völlig außer Acht lässt, dass Du im Grunde genommen ein sehr pragmatischer Bühnenkünstler, Autor und Filmemacher bist. Pragmatisch auch deshalb, weil Dein Denken historisch-materialistisch geprägt ist und Deine Wut sich speist aus der Ungerechtigkeit der Welt. Und aus der Blindheit über die Ursachen der Verhältnisse, die immer mehr um sich greift.

Eine Schuld, die sich tief in die deutsche Seele frisst

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Das ist für mich eine Deiner wesentlichsten Eigenschaften: dass Du in langen Gesprächen darum kämpfst, den Anderen zu verstehen, dass Du an der politischen Analyse des Gegenübers interessiert bist. Dein Widerspruch versucht den Anderen weiter zu treiben, um in der Dialektik eines wirklichen Zwiegesprächs gemeinsam neue Erkenntnisse zu gewinnen. Auf gemeinsamen Gastspielreisen habe ich erlebt, wie neugierig, aufmerksam und zugewandt Du die Lebensgeschichten anderer aufsaugst in ihrer Widersprüchlichkeit und Tragik. Geschichten darüber etwa, wie Kampfgefährten zu Opportunisten und Verrätern werden. Und wie Dich der Aberwitz der erzählten Schicksale zum Staunen bringt. Wie Dir auf einmal ein helles Licht aus den Augen strahlt, wenn man in der tragischen Wendung plötzlich einen Funken davon zu begreifen scheint, was unser Zusammenleben ausmachen könnte. Wozu wir fähig sind als Menschen. Aber auch, wohin die Umstände uns treiben. Wie oft habe ich erlebt, wie die Kraft Deiner Ausstrahlung jeden bereitwillig in aller Ausführlichkeit die dunkelsten Ecken seiner Familienbiografie vor Dir ausbreiten ließ und dann in diesen geglückten Momenten von Dialog sich eine besondere Energie herstellt. Die manchmal allerdings die Umsitzenden auch anspornt, sich gegenseitig darin zu übertreffen, wer die abgründigsten Figuren in seiner Familie hat. Viel Bier ist meist auch im Spiel.

Wenn wir zusammen gearbeitet haben, ob ich der Regisseur war und Du der Schauspieler oder umgekehrt, hat mich immer am meisten beeindruckt, wie gut Du vorbereitet warst. (Was doch gar nicht zum Bild des urwüchsigen Naturtalents passt!) Von der ersten Probe an konntest Du Deinen Text perfekt. Im Grunde möchtest Du immer nur wissen, wo Du aufzutreten hast, und der Rest der Arbeit lag nach Deiner Auffassung in der Verantwortung der Schauspieler. Entweder sie reden wirklich miteinander oder nicht. Du hasst den falschen Ton genauso wie ich. Und Du zwingst jeden Deiner Kollegen - ob sie wollen oder nicht - in die direkte Auseinandersetzung und dazu, ihre antrainierten Töne und Manierismen sein zu lassen. Du willst keine Zeit verschwenden. Du fühlst die Verantwortung, dass die anderen mit Dir keine Zeit verlieren. Deshalb bist Du so gut vorbereitet. Und das verlangst Du auch von allen anderen, damit sie Dich möglichst schnell wieder in Ruhe lassen und Du Dich in Deine von Dir geliebte Einsamkeit zurückziehen kannst.

Fotografiertwerden ist Dir zuwider

In dieser Einsamkeit entsteht dann so ein Familienepos wie "Mittelreich", wo Du auch keine Zeit verlierst, sondern eben mal auf 400 Seiten über drei Generationen deutsche Geschichte am Alpenrand erzählst. Jedem, der die seelische Verfasstheit Deiner Herkunft begreifen möchte, sei dieses Buch empfohlen. Es geht um die Verheerungen des 20. Jahrhunderts, um Schuld und Erbe. Und den Traum von einer anderen Welt in einer Landschaft, in der die Düsenjäger der Nato ihre Kondensstreifen am Himmel hinterlassen. Ich habe mir vorzustellen versucht, wie Du das Buch geschrieben hast. Im Zimmer unterm Dach am Computer? Oder handschriftlich? Oder auf einer alten Reiseschreibmaschine im hinteren Teil deines Gartens, weit weg von den Ausflüglern in deinem verpachteten Wirtshaus in Ambach? Wie bringen es die Journalisten eigentlich zusammen, wenn sie Dich immer wieder als "hünenhafte Gestalt", als "Bergmassiv" beschreiben, und doch wissen müssen, dass dieser Autor wochenlang über einem Blatt Papier gebeugt gesessen haben muss?

Besonders beeindruckt von Deinen Fähigkeiten war ich, als ich Dich die wenigen Drehtage zu "Zwei Männer im Anzug", die ich hatte, am Filmset miterleben durfte. Wieder warst Du unheimlich gut vorbereitet, und keiner der Beteiligten hatte das Gefühl, dass Du seine Zeit vergeudest. Souverän und selbstverständlich hast Du diesen riesigen Stab und die vielen Schauspieler angeleitet. Als würdest Du seit Jahren nichts anderes machen. Wahrscheinlich hast Du so oft erlebt, dass Regisseure das nicht hinkriegen (zum Beispiel bei mir), dass es Dir ein Leichtes war, nicht dieselben Fehler zu begehen. Aber auch hier passt Dein Verhalten so gar nicht zu dem, was man Dir gerne an Eigenheiten und "Schwierigkeit" andichtet.

So nah und doch so fern

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Lieber Sepp, du verbeugst Dich nicht gerne, und ich hatte jedes Mal, wenn ich Dich beim Applaus beobachtete, das Gefühl, dass es Dir körperlich zuwider ist. Du kokettierst also wirklich nicht mit einer Eitelkeit, die sich hinter falscher Bescheidenheit versteckt, wie viele andere. Auch Fotografiertwerden ist Dir zuwider. Ich verbeuge mich jetzt aber vor Dir. Vor Deiner Neugier, vor Deiner Haltung, vor Deinem Zorn über die Ungerechtigkeit der Welt, vor Deiner Sprache, mit der Du versuchst, dieser Ungerechtigkeit etwas entgegenzusetzen. Und vor Deiner Fähigkeit, Dich berühren zu lassen. Hoffen wir, dass Du noch lange die Kraft besitzt, die feine Membran zwischen Dir und der Wirklichkeit aufrecht zu erhalten. Damit's Dich noch lange gibt.