Jean Ziegler im Gespräch "Wir brauchen einen Aufstand des Gewissens"
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SZ: Aber haben die ostafrikanischen Länder nicht auch zu wenig Präventivpolitik betrieben?
Ziegler: Warum gibt es in jedem Land der Welt Notvorräte, aber in Äthiopien, Somalia und Kenia nicht? Erstens sind die Preise der Grundnahrungsmittel explodiert, Weizen und Reis kosten doppelt so viel wie vor einem Jahr, weil die Hedgefonds und Großbanken nach der Finanzkrise auf die Agrarrohstoffbörsen umgestiegen sind. Die machen damit legal astronomische Profite, aber die Äthiopier können sich, obwohl sie wissen, dass der Abstieg in die Agonie begonnen hat, keine Notvorräte leisten. Zweitens macht es die Auslandsüberschuldung unmöglich, infrastrukturelle Verbesserungen voranzubringen. Dass in Äthiopien nicht einmal vier Prozent des Agrarbodens bewässert werden, ist Wahnsinn.
SZ: Das klingt nun so, als sei allein der Westen schuld an dieser Hungersnot.
Ziegler: Oh nein, es gibt natürlich auch endogene Gründe für die Katastrophe, die muslimischen Shabab-Milizen sind blutrünstige Terroristen, die die Hilfskonvois plündern und viele Rettungsmaßnahmen sabotieren.
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SZ: Sie sitzen in mehreren internationalen Gremien und sind oft in der afrikanischen und arabischen Welt. Ändert sich dort das Bild des Westens?
Ziegler: Wenn ich ein Somali wäre, dessen Kinder gerade verhungern, weil aus der EU nur ein Sonderkredit von 30 Millionen kommt, und gleichzeitig hören würde, dass die EU soeben 162 Milliarden Dollar freigesetzt hat, um die Gläubigerbanken der Griechen zu retten, weiß ich nicht, wie groß mein Glaube an Europa noch wäre. Wie die Europäer immer Noten verteilen an die Dritte Welt, als seien sie der weiße Ritter - da hat in den letzten zehn Jahren ein verheerender Imageschaden stattgefunden. Wenn der doppelzüngige Westen sich einbildet, noch immer glaubwürdig zu sein in Sachen Menschenrechte, ist das ein tragischer Irrtum. Da ist aller Kredit verspielt.
SZ: Ihre Salzburger Rede klingt kämpferisch und aufrüttelnd. Was kann denn der Einzelne Ihrer Meinung nach tun?
Ziegler: Das Absurde ist ja, wir haben die Waffen, Deutschland ist vielleicht die lebendigste Demokratie Europas. Die Deutschen könnten morgen ihren Finanzminister dazu zwingen, bei der nächsten Sitzung des Internationalen Währungsfonds die Totalentschuldung der ärmsten Länder durchzusetzen.
SZ: Das klingt sehr optimistisch. Haben Sie nicht das Gefühl, dass ein elender Mehltau aus Apathie, Angst und Resignation über allem liegt?
Ziegler: Marx hat gesagt: Der Revolutionär muss imstande sein, das Gras wachsen zu hören. Das Gras wächst: Ich hoffe auf eine neue planetarische Zivilgesellschaft. Wir brauchen einen Aufstand des Gewissens. Wenn der nicht kommt, geht die Demokratie vor die Hunde.
Jean Zieglers ungekürzte, nicht gehaltene Eröffnungsrede der Salzburger Festpsiele finden Sie unter www.sueddeutsche.de/ziegler.