Jack White im Konzert Nun scheppert's auch im Bauch

Wie ein grollendes Tier - aber mit Stil, versteht sich: Bluessänger Jack White im Berliner Tempodrom. Hier wird klar, dass er bis heute der größte Verpackungskünstler des zeitgenössischen Rock ist.

Von Jens-Christian Rabe

Die Rockmusik ist immer eine große Verpackungskunst gewesen. Lange bevor alle anfingen, über den "Retro-Wahnsinn" und die Sucht der Popmusik nach ihrer eigenen Vergangenheit zu jammern. Die Rolling Stones, die Doors, Jimi Hendrix und Eric Clapton spielten in den sechziger Jahren die Songs und Ideen des Delta-Blues-Gottes Robert Johnson mit verzerrten E-Gitarren, hielten sich brav ans Bluesschema und nannten es Bluesrock.

Knarzend, jaulend, rührselig - Jack White spielt derzeit Folk Music im besten Sinne.

(Foto: Reuters)

Led Zeppelin hielten sich eher an den weniger virtuosen, dafür aber umso wilderen und kraftvolleren alten Bluesmann Elmore James, hieben noch etwas schwerer in Drums und traten noch etwas fester aufs Fuzz-Pedal und erfanden so den Hardrock. Und sogar der Grunge der Neunziger ist als Kreuzung von Punk, Alternative Rock, Metal und Hardrock gar kein so ferner Verwandter des Blues. Die so minimalistischen wie eingängigen Grunge-Gitarren-Riffs gehen hörbar auf eine Musik zurück, das älter ist als die Sex Pistols.

Das rhythmische Erbe des Blues freilich griffen fast zur selben Zeit eher wilde Rumpel-Bands wie die New Yorker Jon Spencer Blues Explosion auf. Zu ihrem Punk Blues, der nicht mehr so tat, als hätte es Hip-Hop noch nicht gegeben, konnte man sogar tanzen. Und dann kam Ende der neunziger Jahre Jack White aus Detroit. Und wenn eines klar war nach seinem Konzert am Dienstag im ausverkauften Berliner Tempodrom, dann, dass er bis heute der größte Verpackungskünstler des zeitgenössischen Rock ist. Also der modernste und cleverste Bluesmann der Gegenwart.

Die echteste und die falscheste Band des Planeten

Jon Spencer hatte sich getraut, die traditionelle Rock-Minimalbesetzung aus Bassist, Rhythmus- und Sologitarrist und Schlagzeuger aufzubrechen und auf den Bassisten zu verzichten. White ging weiter. Sein rohes, repetitives Gitarrenspiel orientierte sich wieder deutlicher am Blues, diesmal allerdings an wüsten Slide-Blues-Legenden wie Son House, der sogar noch etwas älter war als Robert Johnson. Und seine Band, die White Stripes, war nur noch ein Duo aus Gitarre und Schlagzeug. Drummerin Meg White war das Instrument zudem hörbar neu.

Aber das war natürlich genau der Punkt. Wie überhaupt der ganze Auftritt der Band mit den absichtlich billigen, nicht allzu stimmstabilen alten Pfandhaus-Gitarren. Raw Power. Blues für das 21. Jahrhundert. Man erneuert eine alte Musik nicht, wenn man es sich zu einfach macht. Dabei kommen bekanntlich nur Gitarrenhelden heraus.

Von Authentizität-Fetischisten gab's dafür heftig Prügel. Alle anderen hatten selbstverständlich kapiert, worum es ging. Als gelernter Möbel-Polsterer wusste White, dass der Samt auf einem alten Sessel strahlen muss, wenn man ihn restauriert hat. Die White Stripes waren also gleichzeitig die echteste und die falscheste Band des Planeten. Und ziemlich schnell weltberühmt.

Seit 2007 gibt es das Duo nicht mehr, aber spätestens seit dem ersten, in diesem Jahr erschienenen Jack-White-Soloalbum "Blunderbuss" (Third Man Records) wirkt der Zauber dieser Musik wieder. Vielleicht sogar überzeugender als je zuvor. Im Mai stand der 36-Jährige sogar zum ersten Mal in seiner Karriere mit einer Platte auf dem ersten Platz der amerikanischen Billboard-Charts.

Auf der laufenden Europa-Tour hat er ungleich mehr Personal dabei als früher. Die Arrangements sind opulenter, die Farben nicht mehr Rot und Weiß, sondern Blau und Schwarz, aber der Geist und die Kraft dieser Musik ist im guten Sinne derselbe geblieben. Was vor allem daran liegt, dass Jack White III, wie er sich im Moment nennt, ein außergewöhnlich guter, einfallsreicher Songwriter und Produzent ist. Ein begnadeter Verkäufer seiner Kunst, ein toller Trickser ist er natürlich auch immer noch. Bei dem Gespräch am Nachmittag kommt Lady Gaga nicht allzu gut weg ("Image um des Image willen") und die Rap-Barbie Nicky Minaj dafür umso besser ("Sie rebelliert gegen ihr eigenes Genre, so entstehen Klassiker").