Im Kino: Drei Du oben, ich unten

Zwei Männer, eine Frau: Tom Tykwer spinnt eine Dreiecksgeschichte um Devid Stresow und streut Schicksalsschläge übers Drehbuch wie Würzmittel gegen die große Fadheit. Geht so wahres Kino?

Von Tobias Kniebe

Die Mutter hat Krebs, im Endstadium. "Und das sagst du mir jetzt?" erregt sich der Sohn. So beginnt eine Sequenz in Tom Tykwers "Drei". Ein paar Schnitte weiter schluckt die Mutter schon Schlaftabletten, wird aber entdeckt. In der Klinik pumpt man ihr den Magen aus. Jetzt ist sie hirntot. Momente später liegt sie bereits zu Hause. Dort gibt der Sohn ihr Sterbehilfe, schaltet alle Geräte ab. Dann eilt er hinaus auf die Straße, wo ihm die Verblichene als Engel erscheint und Hermann Hesses "Stufen" zitiert.

Draußen bricht er unter Krämpfen zusammen. Aber nicht wegen Hesse, nicht einmal aus Trauer oder schlechtem Gewissen. Wie sich herausstellt, hat er selbst Krebs, Hodenkrebs. Schon wieder ein Arzt. Sofort operieren! Die Freundin weiß noch von nichts, aber sie geht nicht ans Handy, sie flirtet mit einem anderen. Egal, schon wird das Skalpell angesetzt. Sekunden später ploppt etwas Rundes und Blutiges in die OP-Schale.

Es fehlte die Gelegenheit, in der Hektik des Geschehens auf die Uhr zu schauen, aber schätzungsweise vergehen dabei zehn Minuten Kinozeit. Vielleicht auch fünfzehn. Man bleibt ein wenig sprachlos zurück und muss an "Lola rennt" denken, jenen zwölf Jahren alten Film, der Tykwer den Durchbruch brachte. Damals feierte sie Premiere, diese besondere Art der Tykwerschen Schicksalsverdichtung; damals erlaubte sie es ihm, denselben Film innerhalb von 81 Minuten dreimal zu erzählen und die Lebensläufe von Randfiguren in einer Art Blitzlichtgewitter bis auf wenige Sekunden einzudampfen.

Alles beim alten also für Tykwer und seine Schnittmeisterin Mathilde Bonnefoy, die schon bei "Lola rennt" dabei war? Nicht ganz. Was seinerzeit ein munteres, kaum noch zu steigerndes Spiel war, das in der Konsequenz die Figuren zeitweise in Comic-Strip-Charaktere umschlagen ließ, zeigt heute einen Touch von Ratlosigkeit und Verunsicherung.

Beinahe in jedem Interview spricht Tykwer von der herrlichen Macht der Schicksalsschläge, die seine Geschichten aus dem Alltagstrott reißen, das sicher Geglaubte zerstören, eine Selbstbefragung erzwingen. Der Subtext ist immer: Das, was ist, genügt nicht. Was uns hier und heute, in unserer Berlin-Mitte-Blase, die wir Leben nennen, plausiblerweise in zehn Minuten Kinozeit zustoßen könnte - damit brauchen wir gar nicht erst zu kommen. Das wahre Kino fängt irgendwo anders an. Da muss man schon ein bisschen verdichten.

Aber stimmt das denn? Kann man Schicksalschläge übers Drehbuch streuen wie Würzmittel gegen die große Fadheit? Und: Tun die vielgelobten Fernsehserien aus den USA, dieser süchtigmachende Stoff, den alle sich so gern in der konzentrierteren Form von DVD-Boxen reinziehen, eigentlich etwas anderes?

Vielleicht erschöpft sich da gerade etwas, was das Kino betrifft. Beim Festival von Venedig ist Tykwer gegen Sofia Coppolas "Somewhere" angetreten. Sie hat dieselbe Diagnose: Das, was ist, genügt nicht. Aber sie gibt eine völlig konträre, entschleunigte und entdramatisierte, von Schicksalsschlägen geradezu bereinigte, trotzdem unglaublich starke Antwort, die den "Goldenen Löwen" gewonnen hat. Wo dort das wahre Kino anfängt? Keine Ahnung, würde Sofia Coppola wahrscheinlich sagen und dazu die Stirn runzeln: Seltsame Streberfrage.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum man Tom Tykwer dann doch ziemlich viel verzeihen kann.

Platz, Hirsch!

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